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Einstellungen zu Sprache/n und Sprachebenen in modernen Dystopie-Werken: eine soziolinguistische Analyse

Dissertation im Fach Sprachwissenschaften verteidigt am 10. November 2022 an der Université de Strasbourg. Betreuerin Odile Schneider-Mizony
Alexia Jingand

Texte intégral

1In der modernen Science-Fiction-Literatur offenbaren manche Werke, welche Rolle die AutorInnen der Sprache in der dystopischen Fiktion zuschreiben. Die Schöpfung neuer Wörter, ja ganzer Sprachen sowie bestimmte Kommunikationsverbote oder Verständnisschwierigkeiten zwischen handelnden Personen und Machtzentren zeugen von der radikalen und beunruhigenden Fremdheit dieser Welten. Sprache ist hier sowohl Unterdrückungselement als auch potentielles Werkzeug der Befreiung.

2Quellen für diese Dissertation sind elf Werke aus dem deutsch-, englisch- und französischsprachigen Raum, die zwischen 1948 und 2015 veröffentlicht wurden und sich allesamt eines großen Publikums-Echos erfreut haben: V pour Vendetta (Alan Moore et David Lloyd, 1988) hat als graphischer Roman die Figur des Anarchisten V weltbekannt gemacht; die Novellen « Bruxelles Insurrection » (Nicolas Ancion, 2007) und « Les Hauts® Parleurs® » (Alain Damasio, 2012) haben Literatur-Preise gewonnen ; « L’histoire de ta vie » (Ted Chiang, 1998) ist die Vorlage des Filmes Arrival. Bei den Romanen reicht der Bogen von 1984 (George Orwell, 1948) bis zu 2084 (Boualem Sansal, 2015), von dem älteren Les Langages de Pao (Jack Vance, 1958) über Das kugeltranzsendentale Vorhaben (Johanna & Günter Braun, 1983), Enig Marcheur (Russell Hoban, 2006) und Le Livre de Dave (Will Self, 2006) bis zum modernen MaddAddam (Margaret Atwood, 2013).

3Zunächst wird die Rolle der Literatur bei der soziolinguistischen Bewusstwerdung geklärt, anschließend fokussieren sich die weiteren Teile zunächst auf die fiktionalen Sprecher und ihre metasprachlichen Diskurse, dann auf die Rolle der Sprache in den erdachten Gesellschaften. Zwei Sprechertypen werden genauer betrachtet: der gelehrte Linguist, der sich aus Routine und Opportunismus der dystopischen Macht andient, und der betroffene Sprecher, der sich als Widerständler gegen die politische oder wirtschaftliche Macht engagiert, indem er weiter unerlaubten Praktiken frönt, wie der Niederschrift eines Tagebuches oder der Lektüre verpönter Texte. Ein gesondertes Kapitel widmet sich den Metaphern und anderen Vergleichsfiguren, die im Sinne von Lakoff und Johnson Denkkonzepte aufzeigen: Sprache als organisches Element, als menschliche Entwicklung oder als technisches Artefakt.

4Die Art und Weise, wie Schrifterwerb und Schriftkultur inszeniert werden, weist auf eine Mystifizierung des Schriftlichen als Quelle und Aufbewahrungsort von kostbarem Wissen hin, während das Mündliche eher für das Recht auf freie Meinungsäußerung steht. Der Bereich der Mündlichkeit ist ambivalent, da er durch seine latente Unterbewertung dem Schriftprestige nicht immer gleichgestellt ist. Phonetisch beeinflusste Worttranskriptionen und Neologismen befremden nicht nur, sie runden das Porträt der Sprecher und Sprecherinnen ab.

5Das Thema der Manipulation durch Sprache in dystopischen Welten wird in immer neuen politischen Konstellationen variiert, findet aber, wie es dieses besondere Science-Fiction-Genre mit sich bringt, meist dramatische Enden: In der Vorstellungswelt der AutorInnen zielt der unerbittliche Staat auf einen nuance- und freudlosen Monolingualismus. Demgegenüber ist sprachliche Variation nur im Widerstand möglich, eine Handlungsoption, die etliche Subjekte dieser Regierungen aus Passivität aber nicht wahrnehmen. Aufbegehren durch Sprache betrifft einsame und zum Scheitern verdammte Figuren, was ein Licht auf den grundsätzlichen Pessimismus der AutorInnen in Bezug auf die Möglichkeit wirft, Sprachmanipulationen zu entkommen.

6Ein letztes Kapitel veranschaulicht das beschränkte Bild, das sich Science-Fiction-AutorInnen von der Sprachwissenschaft und ihren Tätigkeitsbereichen machen. Linguisten (nur eine Linguistin…) tauchen als Neben-Figuren in traditionell gelehrten Rollen auf. Übersetzung wird als Wort-für-Wort-Entsprechung vorgeführt, didaktische Modelle scheinen aus früheren Jahrhunderten zu stammen und wirken abschreckend; manche Sprachebenen wie die Syntax oder die Morphologie tauchen kaum auf, was die Vorstellung von Sprache als Wortmenge in der Laien-Öffentlichkeit widerspiegelt. So ist es einerseits aufgrund des Genres, andererseits aufgrund der Repräsentationen von Sprache verständlich, dass Wortbildungsmorphologie den kreativsten Bereich darstellt. Einem konventionellen Geschlechterrollenverständnis ist geschuldet, dass der durch die einzige Linguistin vertretene Bereich der Komparatistik und Kunstsprachenentschlüsselung etwas besser dasteht. Dieser Schluss eröffnet die Möglichkeit einer Metareflexion zur Deutung und Lesart von Sprachwissenschaft und ihren Teildisziplinen in den Augen von denjenigen, die Sprachfragen außerhalb der akademischen Wissensdomäne zu behandeln versuchen. Das widerspruchsvolle Bild mit seinen Glanz- und Schattenseiten ist lehrreich für die Perspektive von Laien auf eine sich tief im Dienste der Gesellschaft glaubende Humanwissenschaft.

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Pour citer cet article

Référence électronique

Alexia Jingand, « Einstellungen zu Sprache/n und Sprachebenen in modernen Dystopie-Werken: eine soziolinguistische Analyse »Trajectoires [En ligne], 16 | 2023, mis en ligne le 13 mars 2023, consulté le 12 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/trajectoires/9740 ; DOI : https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.4000/trajectoires.9740

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