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Echos
Mouvements contraires

Das Südtirol-Syndrom

Zur Rückkehr bei Joseph Zoderer und Gerd Sulzenbacher
Anna Kostner

Résumés

La relation des auteurs du Tyrol du Sud avec leur région d’origine et à ce qu’ils ne considèrent souvent qu’ex negativo comme ‚Heimat‘, est extrêmement conflictuelle. La lecture ici proposée du récit Wir gingen (2004) de Joseph Zoderer et du recueil de nouvelles Sankt Nichtsnutz. Apokryphen (2020) de Gerd Sulzenbacher montre que ce lien paradoxal au territoire est déterminé par un mouvement de retour qui se reflète tant au niveau de l’histoire que du discours. Selon l’hypothèse défendue dans cet article, l’échec total de l’‚option‘ qui, en 1939, mit les Tyroliens du Sud face au choix entre le national-socialisme allemand et le fascisme italien, constitue une expérience fondamentale de la littérature du Tyrol du Sud jusqu’à aujourd’hui.

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Géographique :

Tyrol du Sud

Chronologique :

21e siècle
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Texte intégral

  • 1 „Alto Adige“ geht auf den Fluss Etsch (ital.: Adige) zurück und bedeutet wörtlich „Hochetsch“. Ursp (...)

1Im Zuge der Auseinandersetzung mit Literatur aus Südtirol ist der Begriff ,Heimat‘ zu einem Rezeptionstopos geworden, der sich schwer vermeiden lässt. Wenn es stimmt, dass der Begriff in reziprokem Verhältnis zu dem steht, worauf er sich bezieht, erklären sich die beiden Pole, aus deren Spannungsfeld sich die Literatur aus Südtirol speist: „Heimat und Unbehaustheit, das Vertraute und das Fremde […], das Hüben und Drüben“ (Kubaczek, 2005: 21). Des Weiteren ist ,Heimat‘ nach wie vor mit dem Anspruch konnotiert, auf Existentielles zu verweisen: das diffuse aber konstitutive Bewusstsein um einen Ort, das sich nicht zuletzt in der Erhebung über andere Orte manifestiert. Die Einleitungsverse eines Gedichts des 1947 geborenen Norbert Conrad Kaser illustrieren diese prekäre aber im poetischen Sinne fruchtbare Ausgangssituation der italienischen Alpenregion aufs knappste: „alto adige / alto fragile“ (Kaser, 1988 [1968]: 339)1. Das Fragile und Bizarre des Schreibens in einer mehrsprachigen Region scheint einerseits auf die andauernde Irritation der sprachlichen und ethnischen Identität hinzuweisen, andererseits im positiven Sinne Basis der poetischen Produktion zu sein (vgl. Schmidt-Dengler, 2005: 88). Es ist daher nur folgerichtig, wenn Fremdheitsgefühle und Identitätssuche von Südtiroler Autor*innen vor dem Südtiroler Hintergrund ausgehandelt werden. Dass dies nicht selten aus der geografischen Distanz geschieht, bezeugt bereits Claus Gatterer, der erste prominente Schriftsteller der Nachkriegsgeneration. Der gebürtige Sextner beschreibt seine Emigration als Abkehr von der „volkstümlichen Dauerregung“ (Gatterer, 1987: 11). Es hätte sich „ganz automatisch“ ergeben, dass er „eines Tages nach Österreich ausgewandert“ (ebd.) sei. Wenn man Exil als „durchaus signifikante funktionale Störung der betreffenden Gesellschaft, des politisch-sozialen Bezugssystems“ (Stammen, 2008: 54) versteht, lassen sich Gatterers Schilderungen Südtirols durchaus als Gründe für eine Exilierung interpretieren:

„Die Berge selbst waren […] zu steinernen Helden geworden, wie die Menschen in Büchern verewigt. Gewisse absonderliche Moden, die als intellektuell oder gar als geistig zu definieren wohl kaum zulässig wäre, hatten uns, unser Schicksal sowie die Landschaft unserer Schicksale als Rohmaterial für Legenden, Mythen und harmlose Schwärmereien entdeckt. Da waren Menschen, wetterhart und unerschütterlich treu, die ihre Berge heldenmütig gegen den welschen Eindringling verteidigten, wiewohl dieser heimtückisch ihre Hütten und Wiegen in Schutt und Asche gelegt hatte. Da war deutsche Urtümlichkeit nun in Gefahr, für immerdar verwelscht zu werden; da lebte ein Volk, in neuen Häusern zwar, aber natürlich in Sitte und Brauchtum, unverfälscht, gesund, dem Blute treu, dessen Stimme es in der finsteren Stunde der Prüfung vernommen und die nun aller fremden Tyrannei zum Trotz durch seine Adern brauste wie das stolze Rauschen deutscher Eichenwälder, wie das junge Ungestüm schäumender Bäche aus kaltfinsteren Gletscherschlünden“ (Gatterer, 1969: 234).

2Vielen Südtiroler Autor*innen ist ein permanenter Dissens gemein, der sich häufig im Motiv des Weggehens äußert, an das sich das Motiv der Rückkehr bindet. Zwei symptomatischen Fällen aus der Südtiroler Gegenwartsliteratur soll besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden: der Erzählung Wir gingen (2004) von Joseph Zoderer, sowie der Novellensammlung Sankt Nichtsnutz. Apokryphen (2020) von Gerd Sulzenbacher. Beide Autoren verhandeln Prozesse der Rückkehr, die aus der Exilerfahrung entstanden sind und sich scharf von der Idylle versöhnlicher Heimatgeschichten abgrenzen.

Rückkehr zwischen Ereignis und Struktur

3Die Südtiroler*innen waren im Laufe der Geschichte mit zwei einschneidenden politischen Ereignissen konfrontiert: Einerseits mit der „Zerreißung“ (Pallaver, 2010: 33) des Landes nach dem Ersten Weltkrieg, andererseits mit dem „ideologischen Bürgerkrieg“ der Option, „der mit allen Mitteln der damaligen Propaganda, aber auch mit psychologischer und personeller Gewalt ausgetragen wurde“ (Pallaver und Steurer, 2010: 7). Der Historiker und Politikwissenschaftler Günther Pallaver erachtet die Option als „tiefer verankert“ und „mit tieferem Unbehagen“ verbunden als die Annexion an Italien, da sie eine Auseinandersetzung mit dem „Eigenen“ darstellte und damit gewissermaßen „selbst gemacht“ (Pallaver, 2010: 33–34) war:

„Innerhalb nur weniger Tage war ein zwanzig Jahre lang gepflegtes, zur Norm erhobenes Bewusstsein der Schicksalsgemeinschaft demoliert und zerstört worden. Plötzlich wurde die (konstruierte) Harmonie der Südtiroler Volksgruppe, die im Kampf gegen die Entnationalisierung […] Tag um Tag und Schulter an Schulter nebeneinander gestanden hatte und in maximal ausgereizten Gemeinschafts- und Solidaritätsemotionen lebte, durch eine interne, die ganze Minderheit durchdringende Disharmonie radikal entzweit“ (ebd.: 34).

4Eben diese Entzweiung ist Gegenstand von Joseph Zoderers Erzählung Wir gingen, die 2004 in Buchform erschienen ist. Die Option, so wird in dem wenige Seiten langen Text deutlich, wurde als unmenschlicher Zwang zur freien Entscheidung wahrgenommen:

„Es hieß nicht, wie es hätte heißen sollen: die Heimat behalten und deshalb italienisch optieren mit einem weißen Zettel, oder die Heimat verlassen, sie verraten und deutsch optieren mit einem orangen Zettel. Nein, es hieß: deutsch bleiben oder Italiener werden. Und so wurde es an Ecken und Enden von den Nazis und ihren Helfern in die Köpfe gehämmert. Es waren nicht viele, die dem widerstehen konnten, und jene, die es konnten, wurden mit Jauche übergossen, wurden als Verräter beschimpft, als Walsche; den Bauern, die den Ort, wo ihre Vorfahren auf dem Friedhof lagen, nicht im Stich lassen wollten, wurden die Haustüren mit Scheiße beschmiert, wurden die Fenster eingeschlagen, die Hunde vergiftet. Und viele Heustadel brannten ab“ (Zoderer, 2004: 27–28).

5Der Begriff des ‚Verrats‘ legt nahe, dass mit der Spaltung der Gesellschaft ein Verlust des Einheitsgefüges einherging; die „in die Köpfe gehämmert[e]“ Reduktion der Wahl auf die ethnische Zugehörigkeit deutet darauf hin, dass die Option sowohl situativen als auch prozessualen Charakter hat. Damit erklärt sich die Tiefenstruktur des Textes, die sich durch die Retrospektion in Erinnerungsfragmente aus der Zeit vor dem Exil kennzeichnet. Der im Frühjahr 2022 verstorbene Zoderer musste die Option selbst miterleben: 1940 übersiedelte er mit seiner Familie nach Graz, 1949 kehrte er nach Meran zurück. Mit fünfzigjähriger Verzögerung trachtet Zoderer, diese Vertreibungserfahrung in einem Gesamtbild von Familiengeschichte und zeitgeschichtlichem Kontext zusammenzufügen. Es handelt sich bei Wir gingen aber um keine einfache Familienchronik, sondern um einen langsamen Prozess der Rückkehr, bei dem „das Faktische und das Reflexive, das Politische und das Affektive“ (Sommadossi, 2017: 64) einander gegenübergestellt werden, um in der nachträglichen Rekonstruktion Zusammenhänge (wieder)herzustellen. Die Regression in das „Paradox einer Einheit“ (Korte, 2010: 71) bleibt aber fortwährend unabgeschlossen. Stattdessen wird die Reflexion über die Erinnerung zu einem wesentlichen Gestaltungselement von Zoderers Texten. In Wir gingen eröffnet sich durch die autobiographische Skizze eine diskursive Aushandlung der Vergangenheit, deren Einprägsamkeit sich gerade aus der Brüchigkeit des Wissens ergibt:

„Also, die Tür zu unserer Parterrewohnung in Meran ist nicht aufgeflogen, und im Türrahmen stand nicht unser Vater mit hochgehobenen Armen und schrie: wir sind verkauft! Auch nicht: wir sind verraten! Auch nicht; hurra, wir gehen weg!“ (Zoderer, 2004: 26–27)

6Da Zoderer selbst kaum mehr etwas über die Option weiß, greift er auf sensorische Erinnerungen zurück (es ist von einer „braune[n] Kommode mit Schubladen“, „verstaubten Brenneßeln am Flußufer der Mur“, „kalte[m] Wasser […] schwarz und unergründlich tief“, „groß[en] und glatt[en] Steine[n]“ oder „kiesige[m] Sand“ (ebd.: 6–7) die Rede), um von der Auswanderung bzw. von der Zeit vor der Emigration zu berichten. In der Rahmenerzählung berichtet der Autor:

„Ich höre meinen Vater schreien: Ich hab’ einen Bock geschossen! Ich weiß nicht, warum dieser Satz in meinem Kopf zurückblieb, einer von den wenigen Sätzen meines Vaters, an die ich mich erinnere. […] Irgendeinmal als Erwachsener […] ging mir der Sinn dieses Satzes auf […]: die Option für Deutschland“ (ebd.: 5–7).

7Der Satz „Ich hab’ einen Bock geschossen!“, den der Vater in seiner Verzweiflung mehrmals wiederholte, durchzieht die Erzählung wie ein Leitmotiv. Während andere Erinnerungen an jene frühe Lebensphase verschwimmen, blieb dieser Satz unauslöschlich im Gedächtnis des Ich-Erzählers haften (vgl. Sommadossi, 2017: 64). Die verbale Fixierung markiert aber nicht nur die Zäsur, welche die Option in der Familiengeschichte darstellte, sondern gereicht dem Erzähler auch als Ausgangspunkt für das Narrativ von der Rückkehr zur sozialen Herkunft. Aus der Gegenwart heraus problematisiert Zoderer die eigene Erkenntniswarte. Neben den eigenen, spärlichen Erinnerungen dienen ihm Gespräche mit dem wenige Jahre älteren Bruder, um die Exilsituation zu rekonstruieren.

„Aber auch mein Bruder hatte sich erst allmählich daran gewöhnen können, gefragt zu werden von mir, dem viel Jüngeren, er war in seinen Antworten immer zögernd wie ein Aufgeschreckter, so wie ich in meinen Fragen mich nur vorzutasten wagte, um ihn und mich nicht zu verletzen, wir stammelten uns in eine Art unnötige Lebensrechtfertigung hinein, trotzdem war es bei vielen Fragen so, als wäre ich ein Ankläger, ich, und mein Bruder verteidigte […]“ (Zoderer, 2004: 13).

8Die Position des Erzählers kennzeichnet sich also einerseits durch die Rückschau auf die historischen Ereignisse; der Autor tastet sich allmählich an die Geschichte heran. Anhand von Informationen aus zweiter Hand gewinnt er andererseits eine natürliche Distanz zu den Fakten, Beweggründen und Emotionen von damals. Die Rollen werden dabei zur ungelösten Frage („als wäre ich ein Ankläger […] und mein Bruder verteidigte“). Ein unmittelbares Reden über die Option scheint unmöglich, weshalb stets nur ein versetztes Sprechen stattfinden kann. Der Autor enthält sich der Beurteilung. Als aus dem Exil Zurückgekehrter betont er stattdessen das Gefühl der Fremdheit:

„Das bleiben, was er war – oder ein Fremder werden, ein Italiener, ich glaube, das war die Wahl, wie er sie verstand: deutsch bleiben oder Italiener werden? Diese Frage, diese Wahl war schon das Fremdsein” (ebd.: 28).

9Zoderer postuliert, dass allein das Versprechen, zu „bleiben, was [man] war“, eine unlösbare Zwangslage darstellte. Dieser Tatbestand, der neben den ärmlichen Lebensumständen („Wir waren besitzlose Leute“, ebd.: 11) Anlass für die Emigration war, wird in der Sprache eines Suchenden beschrieben. Dem Kleinen und Konkreten zugewandt schildert Zoderer eine sowohl für Optant*innen als auch für Dableiber*innen schmerzhafte Erfahrung. Wiewohl sehr persönlich gehalten, hält sich der Text an die historischen Ereignisse.

„Die Lebensmittelgeschäfte, der Bäcker, der Milchladen, sie alle hatten ihre Namensschilder wechseln müssen, plötzlich hieß es nicht mehr Gemischtwaren, sondern Alimentari und Pane e latte. Doch daheim redeten wir alle wie eh und je im Tiroler Dialekt über die Italiener als die Fremden, ohne Abneigung, wenn auch ohne Zuneigung“ (ebd.: 22).

  • 2 Die Balilla (Opera Nazionale Balilla, ONB) war eine Jugendorganisation der Nationalen Faschistische (...)

10Die Erzählung über den Alltag kommt ohne Argwohn gegen die faschistische Herrschaft aus, was womöglich auch auf die einkommensschwache Lage der Familie zurückzuführen ist. Offenbar gab es schon vor der Optionsentscheidung Zugeständnisse an das Regime, etwa als die Kinder in die Balilla-Organisation2 eingeschrieben wurden, um von den dort verteilten Schulmaterialien zu profitieren. Zoderer, der 2003 von der Jury des Hermann-Lenz-Preises als „Fremdheitsexperte“ (Decken, 2003) bezeichnet wurde, erscheint als jemand, der Heimat an existentiellen, nicht an ethnischen Komponenten festmacht. Seine Erzählung richtet sich weniger an die Daheimgebliebenen als an das soziale Ankunftsmilieu, d.h. an ein tendenziell akademisch gebildetes Lesepublikum. Die narrative Rückkehr dient folglich auch der Bestätigung der eigenen biographischen Erfahrung eines Klassenwechsels.

11Der Text endet, indem er auf den bereits zu Anfang der Erzählung zitierten Satz: „Ich hab’ einen Bock geschossen!“, zurückgreift. Es ist bezeichnend, dass diese diskursive Rückkehrbewegung Zoderers mit dessen tatsächlich erfolgter Rückkehr nach Südtirol einhergeht. Den Satz des Vaters versteht der Sohn erst, nachdem er das Exil hinter sich gebracht hat: „Dort erst beginnt wieder meine Erinnerung“ (Zoderer, 2004: 37). Dem großen Südtirol-Narrativ von der hart erkämpften Autonomie wird ein ernüchterndes Gegen-Narrativ zur Seite gestellt, allerdings ohne die Regressionsbewegung explizit als solche zu benennen.

Von einem Exil ins nächste

  • 3 Nach Tzvetan Todorov bestimmt die histoire die erzählte Geschichte, während der discours die Techni (...)
  • 4 Im Folgenden wird aus der Hörspielfassung zitiert.

12Tatsächlich spielt Rückkehr nicht nur auf der Discours-, sondern auch auf der Histoire-Ebene in zahlreichen Texten aus und über Südtirol eine wichtige Rolle3. Zuletzt setzte sich der einer jüngeren Autorengeneration angehörige Gerd Sulzenbacher mit der Rückkehrthematik auseinander. In der Novellensammlung Sankt Nichtsnutz. Apokryphen, die 2020 zum Hörspiel vertont wurde4, tritt die Aporie Südtiroler Exilgeschichten schmerzhaft ans Tageslicht:

„In den 00ern kamen viele Auszügler zurück. Man fand sich wieder ein, sah sich wieder, da wo man war, richtete es sich her und ließ es laufen. Bis 2007 ging es angenehm dahin, danach etwas weniger, doch immerhin ganz gut. Die 00er und frühen 10er Jahre schienen überhaupt wichtig zu sein (Heimkehr, Welteleganz, Finanzkrise), vor allem aber im Vergleich zu heute“ (Sulzenbacher, 2020d: 00:10:07–00:10:32).

13Gleich drei der insgesamt neun Texte thematisieren Südtirol und beleuchten verschiedene Problemlagen dieses von der Geschichte gebeutelten und „teils verzerrte[n]“ (ebd.: 00:10:47–00:10:49) Gebiets. Die Geschichten, die in Sulzenbachers Herkunftsgegend angesiedelt sind, bündeln selektiv Momente von beobachteten Wirklichkeitsausschnitten und markieren diese als Zeichen einer als bedrohlich wahrgenommenen Entwicklung. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, alltagspraktische Erscheinungsformen aufzudecken, die zwar nicht so spektakulär sind wie ihre literarischen Inszenierungen, diese jedoch breit wirksam werden lassen. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ist das Novellenkonvolut nicht nur zeitdiagnostisch von Relevanz, sondern v.a. aufgrund seiner gattungsspezifischen Hybridität. Die Einzelkapitel von recht unterschiedlicher Länge berühren einander und sind indirekt verknüpft, weisen mithin aber kaum narrative Kohärenz auf. Diese Erzähltechnik, bei der immer wieder auf Details oder Bemerkungen vorangegangener Kapitel zurückgegriffen wird, erinnert an die Rückkehrbewegung der Figuren selbst. So kommt es zu einer Verquickung von autodiegetischer Mikro- und gesellschaftspolitischer Makroebene. Mögen diese Ebenen auf den ersten Blick auch eher getrennt bzw. alternierend verhandelt werden, so ist es nicht möglich, nur die eine oder andere Komponente in den Blick zu bekommen. Mithilfe der literarischen Stilfigur der mise en abyme gelingt es Sulzenbacher, beide Seiten miteinander zu verzahnen. Dieses Zusammenspiel von Inhalt und Erzählweise wird besonders am Kapitel Ein weiter, weitgehend heiterer Himmel deutlich, auf das im Folgenden näher eingegangen werden soll.

14In retrospektivem Erzählmodus berichtet der Ich-Erzähler von einem Besuch bei Andreas, einem „Maler ohne Ideen“ (ebd.: 02:04–02:06), der nach einigermaßen erfolgreichen Jahren im Ausland nach Südtirol zurückgekehrt ist, um in einer „rumpelstilzige[n] Kleinstadt“ (ebd.: 03:18–03:20) im Pustertal der Urkundenfälschung und Abänderung von Dokumenten nachzugehen:

„Andreas zog bald zurück nach Südtirol, denn die Welt hatte ihn eigentlich nie interessiert […]. Er kaufte ein ansehnliches Häuslein in der Snobstadt Bruneck, saß auf dem restlichen Geldhaufen faul herum und verdiente sich ab und an ein Zubrot mit Aufträgen in Schönschrift, also echten und falschen Urkunden […]“ (ebd., 2020b: 16:27–16:51).

15Die Gegenüberstellung von „Welt“ und „Snobstadt Bruneck“ überführt die Debatte zwischen Optant*innen oder Dableiber*innen ins Hier und Jetzt. Andreas, dessen Portrait mit düsterer Hingabe entworfen wird, ist eine veritable Imago des Südtirolers, der als „junger Mensch […] in die Welt gegangen war, um wer zu werden“ (ebd., 2020d: 02:43–02:51), dann aber in seinen Herkunftsort zurückgekehrt ist:

„[Er] sah aus wie ein gealterter, […] frühpensionierter Engel. Aber vielleicht ähnelt ein Engel all dem, was wir vergessen haben. Ich meine Vergessenes, das uns ungewohnt vorkommt, wenn wir ihm wiederbegegnen, verloren im Erzählten, das einmal das unsere war“ (ebd., 2020a: 09:39–09:59).

  • 5 Im Anschluss an Walter Benjamins Denkbild „Engel der Geschichte“ aus dessen letztem Text Über den B (...)

16In diesen dem Heimkehrer gewidmeten Zeilen umschreibt Sulzenbacher das für die Südtiroler Literatur so charakteristische Zwangsverhältnis zwischen Nostalgie und Bitterkeit mit jener Vorsicht, die beharrliche Betrachtung und langes Fernbleiben ihm angezüchtet haben. Als Engel bezieht Andreas keine feste Position: Er ist weder von der Geschichte ganz vernichtet noch aus der Selbstgewissheit eines unversehrten Lebens erwachsen5. Das Vergessen, von dem der Erzähler spricht, stellt in Frage, ob eine Erzählung ihre eigene Zeitlichkeit je einholen kann. So ist denn auch jede Heimat, in die man zurückkehrt, bereits eine zweite Heimat, ähnlich der sprichwörtlichen zweiten Geburt.

„Die Nichtübereinkunft war [Andreas] gleich. Er ertrug alles unbeteiligt, als wäre er unter Wasser und durchsichtige, behäbige Massen trennten ihn vor jeglicher Auseinandersetzung. Die Wirklichkeiten der anderen waren nicht seine. […] Er lebte in ganz erstaunlicher Beliebigkeit“ (ebd., 2020b: 09:52–10:13).

17Andreas hat es zwar, wie der Erzähler mitteilt, im Ausland zu einigem Erfolg gebracht, vermochte es aber nie, die „Gepflogenheit[en] seiner Heimat“ (ebd.: 14:54–14:56) abzulegen. Die Wiederbegegnung mit seinem Herkunftsort ermöglicht ihm jedoch eine sorglose Abwesenheit, die mit Träumerei wenig zu tun hat:

„Er besaß die Freiheit der Tiere im Käfig. Als wäre das Leben nur Überdruss, plumpste er […] in den abgewetzten Ohrensessel, wo er sich, scheinbar von Magenbeschwerden gequält, den Bauch hielt“ (ebd., 2020d: 05:15–05:33).

18Zweifellos handelt es sich bei Andreas’ Rückkehr um einen resignativen Akt, woraus folgt, dass Befreiung immer nur eine Befreiung von der Welt sein kann; zugleich zeugt der Lebensweg des Künstlers, der als „Arbeiter, im besten Sinn“ (ebd., 2020b: 05:46–05:49) bezeichnet wird, von resolutem Widerstand gegen jeden Angleichungszwang und einem deutlich sich artikulierenden Trotz. Die Rede von seiner mangelnden „[M]arkttauglich[keit] und dem „bescheidene[n] Kommunikationsgeschick“ (ebd.: 03:42, 03:49–03:52) steht in absolutem Gegensatz zu jenem Dispositiv, das Südtirol zur Wohlfahrtsregion gemacht hat und heute offiziell propagiert wird. Sulzenbacher fasst es an anderer Stelle wie folgt zusammen: „vom Bauernhof zum Hotel, vom Bauer zum Hotelier. Fast wie im Märchen“ (ebd., 2020d: 12:10–12:16). Die Textsammlung versteht sich als eine Dekonstruktion dieser Inszenierung, indem sie ihre grundlegenden Elemente offenlegt und einer herben Kritik unterzieht:

„Um die Umstände kurz zusammenzufassen: Die Umstände bilden in Südtirol zunächst die Berge, von denen das meiste abhängt wie von einem Tischtuch die Fransen. Es wird auch das Heilige Land genannt (ehemals Heiliges Land Tirol), aber der Katholizismus zerbröckelt auch an allen Seiten. Mittlerweile hat man es zuwege gebracht, Gott auf den Berg runterzuholen, auf den man sonntags steigt. Daneben gibt es die Zweisprachigkeit, die Dreisprachigkeit, die Autonomie, den Tourismus, der die Grundlage allen Wohlstands ist, und den gesellschaftlich anerkannten und absolut notwendigen Alkoholismus, der über Minderwertigkeitsgefühle, Identitätskonfusion, Besonderungswahnsinn sowie über jegliches fehlende Geschichtsverständnis manchmal grandios, manchmal grotesk hinüberrettet“ (ebd., 2020c: 10:07–11:01).

  • 6 Gemeint ist eine „produktive und lebendige Metapher“, die nicht der Übertragung von Bekanntem auf U (...)

19Dass Sulzenbacher das Bild der Berge bemüht, um „die Umstände […] zusammenzufassen“, vermag kaum zu verwundern. Es handelt sich um eine Metapher, – Bernhard Waldenfels würde von einer „Trennungsmetapher“6 sprechen – die zwar prägnant und leicht nachvollziehbar ist, die es aber in Hinblick auf ihre Phänomenologie und Funktion zu thematisieren gilt. Bereits Gatterer weist darauf hin, dass das Innere des Südtiroler Menschen der ohnmächtigen Geometrie dieser Landschaft entspricht. Die den Bergen inhärente Eigenschaft des Scheidens bzw. Ent-Scheidens, d.h. ihre grundsätzlich spaltende Ausprägung, betrifft nicht nur die Geographie, sondern hat auch soziologische Konsequenzen (Sulzenbacher spricht von „Minderwertigkeitsgefühle[n], Identitätskonfusion, Besonderungswahnsinn“). Die sich daraus ergebende Versehrtheit ist auch an der Semantik (es „hängt ab“, bildet „Fransen“, „bröckelt“) festzustellen.

„Südtirol ist nicht die harte Straße, aber der pflotschige Ackerweg. Die überreifen Früchte […] liegen dort am Wegesrand in rauen Mengen vor. Teils bereits verfault, neben stattlichen Haufen Kuhscheiße, Die Welt bedeutend.“ (Sulzenbacher, 2020d: 22:22–22:40)

20Im gewählten Vokabular lässt sich das Anliegen eines wenig abgesicherten Sprechens erkennen, das sich gerade nicht allein auf Distanzierung verlässt. Sulzenbacher hat die Notwendigkeit erkannt, die Widerstände, die sich einer direkten und unverstellten Repräsentation entgegenstellen, aufzuzeigen. Auf narratologischer Ebene lässt sich das an der „verdammte[n] Sprachlosigkeit“ (ebd., 2020d: 20:01–20:03) nachvollziehen, die sich zwischen Andreas und dem Erzähler einstellt. Sie deutet auf einen Machtverzicht hin, welcher der Macht der Zeit entgegenwirkt: „etwas extrem Auswegloses. Als wäre man am Ende der Welt in ein Terrarium geraten“ (ebd., 2020d: 16:08–16:14). Anstatt darauf zu zielen, diese Ausweglosigkeit zu überwinden, wendet der Maler seinen Sinn darauf, ihre provokative Kraft in ein raum-zeitliches Ereignis zu verwandeln. Dies gelingt ihm durch „Abseitsbilder“ (ebd., 2020a: 18:02) von erkenntnistheoretischer Natur. Gemeint ist eine Serie von Gemälden, deren Betrachtung eine zeit- und dimensionslose Zuständlichkeit hervorruft, die Sulzenbacher – gemäß dem Südtiroler Dialekt – „Sprouza“ (ebd.: 17:16). nennt. Der Erzähler berichtet vom Anblick eines solchen Gemäldes:

„[D]ie Genauigkeitsarbeit im Hinschauen erwirkte ein allmähliches Versinken […], was den zunächst ausgemachten Gegenstand der Darstellung […] mehr und mehr verunklarte. Das ging so weit, dass sich der Blick ständig verlor, das Begreifen zunehmend bis ganz abhanden kam und man geistesabwesend und gleichmäßig an allem vorbei auf nichts Bestimmtes starrte. Und also einen Sprouza beieinander hatte“ (ebd.: 16:41–17:17).

21Derartige ‚Sprouza‘ markieren einen Geisteszustand, der einem von der Alltagsrationalität geprägten Normalzustand zu entkommen trachtet und im übertragenden Sinn als Exil zu betrachten ist. Als qualitatives Moment der Wirklichkeit zeitigen ‚Sprouza‘ den Übergang vom Ort des Sichtbaren zum Ort des Denkbaren und erzeugen auf diese Weise neue Bezüge und Weltsichten. Das Paradox, dass sie zeit- und ortlos in der Zeit wirksam sind, äußert sich in der rückläufigen Bewegung, mit der die Betroffenen zu sich selbst zurückkehren:

„Zurück von der lieben Abwesenheit, [kam] ich augenblicklich wieder zu mir, dass ich nur mehr noch den Kopf schnackelte. ‚Es klappt, immer noch, noch immer‘, wieherte [Andreas]. ‚Ja‘, gab ich zu, und rieb mir den zerzausten Hinterkopf, als gelte es Flausen auszutreiben“ (ebd.: 17:27–17:49).

22‚Zu sich kommen‘ bedeutet hier nicht, in einen Raum zurückzukehren, der sich wie eine wiedergefundene Heimat entfaltet, sondern sich einer Allgegenwart zu nähern, in der die Zeit mehr und mehr aufgehoben wird. Als mise en abyme des Exils entfaltet der ‚Sprouza‘ eine Rückkehr, die der nostalgischen Heimkehr geradewegs entgegensteht und damit strukturell mit Andreas’ Rückkehr nach Südtirol korrespondiert.

23Die Untersuchung hat gezeigt, dass die historischen Ereignisse rund um die Option von 1939 die geschichtspolitische Funktion und Südtirols literarisches Leben nachwirkend geprägt haben. Sulzenbacher resümiert: „Über den Faschismus macht man sich wenig bis keine Gedanken, da man einst selber Opfer des Faschismus […] war und deshalb fürs Erste gut dabei“ (ebd., 2020c, 11:03–11:14). Diese Opferthese hat weitreichende Konsequenzen. In der Politik äußert sie sich „in der beständigen Abwesenheit eines roten Lagers“, in der Wirtschaft „in der Hochförderung der Landwirtschaft“ und in der Literatur in der „permanenten Option für die Heimat“ (Pfanzelter, 2013: 23). Wie das Thema Heimat zur Erzähltradition Südtirols gehört, so gehört die trostreiche Aussicht auf Rückkehr zur Erzähltradition des Exils. Da der Heimkehrer niemals dieselbe Heimat vorfindet, die er verlassen hat (vgl. Schütz 1972: 81) und jedes Heimischwerden von einer Vorgeschichte abhängig bleibt (vgl. Waldenfels 1985: 201), ist der Prozess der Rückkehr nie vollendbar. Dementsprechend führen die literarischen Werke von Joseph Zoderer und Gerd Sulzenbacher nicht an einen Ort des idyllischen Wohlbefindens, sondern in ein Feld der sozialen Widersprüche, auf dem die Geschichte ihre Spuren hinterlassen hat. Erzähltechnisch findet die Reflektion über die Vergangenheit in zahlreichen Analepsen ihren Niederschlag. So sind die Ausführungen in Wir gingen und Sankt Nichtsnutz als Resultat einer schwierigen und vielschichtigen Erinnerungsarbeit zu verstehen, die sich selbst als Rückkehrbewegung zu erkennen gibt. Dieser Befund kulminiert in der Pointe, dass Rückkehr nicht nur ein Strukturelement von Südtiroler Literatur, sondern eine anthropologische Konstante der Südtiroler Bevölkerung überhaupt darstellt. In diesem Sinne wäre von einem ‚Südtirol-Syndrom‘ zu sprechen, womit das dezidiert an einen Entlastungsdiskurs und an die Bildung einer Identitätskonzeption gebundene, seit dem Bruch von 1939 zu beobachtende Phänomen des Weggehens und Wiederkommens gemeint ist. Wenn die Südtiroler Literatur immer wieder dazu tendierte, sich mit Heimat auseinanderzusetzen, so ist die Rückkehr doch ein Phänomen besonderer Art. Sulzenbacher und Zoderer stellen sich diesem Phänomen mit überaus vielschichtigen sprachlichen Dispositiven, anhand derer unterschiedliche Verhältnisse zu einer unbewältigten historischen Situation erprobt werden können. Die eigentliche und nachhaltige Kraft ihrer Texte liegt darin, die immer wieder neu sich stellende Unentschiedenheit zwischen Heimat und Exil nachzubilden, indem deren Struktur narrativ ausformuliert wird. Beide Autoren inszenieren den Erzähler als dasjenige Medium, das benötigt wird, um diese Rekonstruktionsarbeit zu leisten. Das hat zur Folge, dass sowohl in Wir gingen als auch in Sankt Nichtsnutz die Erzählung ebenso wichtig wird, wie das Erzählte. Jede Rückkehr gleicht einer Abarbeitung am Heimatland und zugleich einer Einübung ins Exil.

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Bibliographie

Primärquellen

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Sulzenbacher, Gerd (2020b): Ein weiter, weitgehend heiterer Himmel, Andere Stimmen hören Radio Orange [online], letzter Zugriff am 07.10.2021. URL: https://cba.fro.at/466351

Sulzenbacher, Gerd (2020c): Kapitel 3, Stuttgarter Kollektiv für aktuelle Musik [online], letzter Zugriff am 07.10.2021. URL: https://www.youtube.com/watch?v=oiWz8Pt6bws

Sulzenbacher, Gerd (2020d): Ein weiter, weitgehend heiterer Himmel, Andere Stimmen hören Radio Orange [online], letzter Zugriff am 07.10.2021. URL: https://cba.fro.at/sankt-nichtsnutz-teil-2-qmdl

Zoderer, Joseph (2004): Wir gingen. Bozen.

Sekundärliteratur

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Benjamin, Walter (1974): „Über den Begriff der Geschichte“, in: Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser (Hg.), Walter Benjamin. Gesammelte Schriften I.2, Frankfurt/Main, S. 691–704.

Benjamin, Walter (1982): „Erkenntnistheoretisches, Theorie des Fortschritts“, in: Rolf Tiedemann (Hg.), Walter Benjamin. Gesammelte Schriften V.1, Frankfurt/Main, S. 570–611.

Decken, Nikolaus von der: (2003): Hermann-Lenz-Preis für „Fremdheitsexperten“ Joseph Zoderer, Presseportal [online], letzter Zugriff am 11.10.2021. URL: https://www.presseportal.de/pm/21615/456636

Gatterer, Claus (1969): Schöne Welt – Böse Leut. Kindheit in Südtirol, Wien/München.

Gatterer, Claus (1987): Aus der schönen Welt der bösen Leute. Autobiographische Aussagen, in: Thurntaler, 11.16, S. 7–14.

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Kaser, Norbert Conrad (1988): Gedichte, Innsbruck.

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Notes

1 „Alto Adige“ geht auf den Fluss Etsch (ital.: Adige) zurück und bedeutet wörtlich „Hochetsch“. Ursprünglich kommt der bis heute offiziell geläufige Name von Napoleon, der die Bezeichnung „Haute Adige“ für ein nördliches Departement der Cisalpinen Republik prägte. Im Rahmen der Italienisierungskampagne durch Ettore Tolomei wurde die mit dem Ende der napoleonischen Zeit fallen gelassene Bezeichnung im Sinne einer historischen Verbindung zur geopolitischen Umgestaltung der italienischen Halbinsel wieder aufgenommen. Der Reim „alto adige / alto fragile“ (in der für Kaser charakteristischen Kleinschreibung) spielt mit der phonetischen Ähnlichkeit zwischen „adige“ und „fragile“ und wäre mit „hoch etsch / hoch zerbrechlich“ zu übersetzen.

2 Die Balilla (Opera Nazionale Balilla, ONB) war eine Jugendorganisation der Nationalen Faschistischen Partei.

3 Nach Tzvetan Todorov bestimmt die histoire die erzählte Geschichte, während der discours die Techniken der Repräsentation betrifft (vgl. Todorov, 1966: 126). Diese Dichotomie löst die Probleme, die ein dyadisches Modell der narrativen Konstruktion aufwirft, zwar nur zum Teil, wird in der vorliegenden Arbeit aber nicht weiter differenziert.

4 Im Folgenden wird aus der Hörspielfassung zitiert.

5 Im Anschluss an Walter Benjamins Denkbild „Engel der Geschichte“ aus dessen letztem Text Über den Begriff der Geschichte (1940) kennzeichnet Sulzenbacher die Kehrseite einer ereignisgeschichtlichen Konstruktion von Geschichte. Benjamin formuliert eine theoretische Position, deren Wahrnehmung aus der Fortschrittsgeschichte herausfällt. Auch Sulzenbacher benennt den Standpunkt eines im vernichtenden Geschehen gefangenen Blicks, der um die Ohnmacht seiner Erstarrung weiß: „Ab und an schnaubte [Andreas] oder wehrte mit Handbewegungen unsichtbare Fliegen ab, die ihn unnachgiebig zu umschwirren schienen.“ (Sulzenbacher, 2020a: 10:00–10:11) „Das, was wir Fortschritt nennen, sind diese Fliegen.“, könnte die hier zuständige Ergänzung lauten. Andreas’ Haltung erschöpft sich nicht allein im Gestus der abwehrenden Handbewegung, sondern wird von einem Schnauben begleitet, das den Abstand der Historie zur Welt der Offenbarung markiert. Die Komplexität der Problemstellung findet ihre sprachliche Darstellung in einem dialektischen Bild, in dem das direkte Betroffensein von der Geschichte mit der Fähigkeit, diese auch zu erkennen, koinzidiert. Mit den Worten Benjamins: „Bild ist die Dialektik im Stillstand. Denn während die Beziehung der Gegenwart zur Vergangenheit eine rein zeitliche, kontinuierliche ist, ist die des Gewesenen zum Jetzt dialektisch: ist nicht Verlauf sondern Bild, sprunghaft“ (Benjamin, 1982: 576–577).

6 Gemeint ist eine „produktive und lebendige Metapher“, die nicht der Übertragung von Bekanntem auf Unbekanntes dient, sondern Erfahrungen hervorruft, die ihren Ausgangspunkt in der „Überdeterminiertheit der Phänomene“ haben (Waldenfels, 2014: 39–40).

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Pour citer cet article

Référence électronique

Anna Kostner, « Das Südtirol-Syndrom  »Trajectoires [En ligne], 16 | 2023, mis en ligne le 13 mars 2023, consulté le 23 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/trajectoires/9240 ; DOI : https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.4000/trajectoires.9240

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Auteur

Anna Kostner

Doktorandin an der WWU Münster

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Droits d’auteur

CC-BY-NC-SA-4.0

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