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Flüchtige Räume, Sprachen und Grenzen

Exil und Transnationalität in Senthuran Varatharajahs Vor der Zunahme der Zeichen
Elisa Risi

Résumés

Dans un contexte de migrations mondiales, la littérature montre un intérêt croissant pour les processus transnationaux. L’article montre comment Vor der Zunahme der Zeichen de Senthuran Varatharajah raconte la fuite et l’exil au 21e siècle à travers la rupture des frontières spatiales, linguistiques et nationales. Le chat room s’avère être un espace de communication et d’articulation pour les exilés d’origines nationales différentes. Les formes de décloisonnement linguistique ainsi que l’inscription de l’expérience aphasique sous forme de lacunes et de ruptures dans le texte renvoient au point de départ de la fuite. En réfléchissant à la transgression collective des frontières, le roman transforme les biographies individuelles d’exilés en une collection d’histoires d’évasion transnationales.

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Texte intégral

Exil und Transnationalität in Vor der Zunahme der Zeichen

  • 1 Vgl. hierzu u. a. den Band von Arnaudova und Bischoff, 2020; vgl. weiterführend zu Gegenwartslitera (...)

1Millionenfache globale Flucht- und Migrationsbewegungen, ökologische Krisen mit weltweiten Auswirkungen, intensivierter Warentransfer sowie entgrenzte Kommunikation über Soziale Medien sorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts vermehrt für eine Infragestellung nationaler Grenzen. Der Begriff der Transnationalität, in den 1990er Jahren von den Sozial- und Kulturwissenschaften geprägt, reflektiert die vielfältige Überschreitung nationaler Grenzen von Menschen, Gütern und Ideen und ist im Gegensatz zu dem verwandten Konzept der Transkulturalität, das gleichermaßen die Prozesshaftigkeit von Kulturen impliziert, der konkreten Wirkmächtigkeit von Nationalstaaten bzw. nationaler Grenzen verhaftet (vgl. Bischoff und Komfort-Hein, 2019: 8–9). Im Zuge eines transnational turn in den Literaturwissenschaften rücken vor diesem Hintergrund literarische Texte als „Aushandlungs- und Reflexionsmedium“ (Bischoff und Komfort-Hein, 2019: 1) transnationaler Prozesse und der damit verbundenen Dynamiken in den Blick. In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur öffnen sich hierbei gerade – aber nicht nur – solche Texte, die Thematiken von Flucht und Exil infolge geopolitischer Krisen der letzten Jahrzehnte aufgreifen, einer Betrachtung der literarischen Reflexion nationaler Grenzziehungen sowie transnationaler Erfahrungswelten. Neben Verhandlungen von Mehrsprachigkeit und Sprachwechsel finden sich in den Texten vielfältige Auseinandersetzungen mit freier und unfreiwilliger bzw. verhinderter Mobilität über nationale Grenzen hinweg sowie Rückbezüge gegenwärtiger transnationaler Lebensrealitäten auf vergangene Gewaltereignisse von Krieg und Vertreibung1.

  • 2 Im Folgenden wird aus der angegebenen Ausgabe mit der Seitenzahl in Klammer zitiert.

2Auch Senthuran Varatharajahs Debütroman Vor der Zunahme der Zeichen (2016)2, für den der Autor 2017 den Chamisso-Förderpreis erhielt, entfaltet entlang eines Gesprächs zweier aus Kriegsgebieten nach Deutschland geflüchteter Figuren ein textuelles Mosaik von transnationalen Erfahrungen und Erinnerungen an Bürgerkrieg, Vertreibung und Flucht, an Ankunft und Nicht-Ankommen-Können im Exilland. In einem im Jahr 2018 in der Zeitschrift Merkur erschienenen literarischen Essay mit dem Titel Etc. (Warten; Notizen zur leeren Hand) beschreibt der Autor anhand sprachreflexiver Beobachtungen die Poetik seines Romans als eine des Bruchs, des Brechens bzw. des Aufbrechens:

„Wenn ich dem, was meine Poetik sein könnte, einen Namen geben würde – wenn es mir zustehen sollte –, würde ich von einer Poetik des Bruchs, oder, präziser, von einer Poetik des Brechens sprechen. […] Das Wort Aufbrechen hat im Deutschen zwei Bedeutungen: 1. Eine Sache, die verschlossen war, (gewaltsam) öffnen. 2. Einen Ort verlassen, d. h. sich auf den Weg machen. Diese beiden Bedeutungen sind, auch, maßgeblich, um nicht zu sagen: wesentlich, konstitutiv für die Poetik meines ersten und einzigen Romans“ (Varatharajah, 2018).

3Vor der Zunahme der Zeichen setzt mit der Begegnung zweier einander zuvor unbekannter Personen, Senthil Vasuthevan, Doktorand der Philosophie in Berlin, und Valmira Surroi, Studentin der Kunstgeschichte in Marburg, auf der digitalen Plattform Facebook ein, ausgelöst durch einen Vorschlag des Facebook-Algorithmus. Der Roman dokumentiert den Verlauf dieses Nachrichtenaustauschs, in welchem die beiden Schreibenden verschlossen gehaltene Erinnerungen an die Flucht ihrer Familien vor Krieg und Verfolgung in Sri Lanka bzw. im Kosovo, geteilte Erfahrungen des Aufwachsens in Asylbewerberheimen in Deutschland ebenso wie Ausgrenzungen aufgrund von Namen, Hautfarbe oder Herkunft aufbrechen. Ein Aufbrechen ist dies auch in der zweiten Bedeutung des Wortes: Senthil und Valmira befinden sich während des sieben Tage und sieben Nächte andauernden Chat-Gesprächs in permanenter (Flucht-)Bewegung über multiple Grenzlinien hinweg.

4Im Folgenden wird danach gefragt, wie in Varatharajahs Roman Erfahrungen von Flucht und Exil vor dem Hintergrund transnationaler Migrationsbewegungen infolge politischer Krisen der letzten Jahrzehnte sowie unter den – auch technologischen – Bedingungen einer zunehmend globalisierten Gegenwart erzählt werden. Es wird zudem herausgestellt, wie der Text die Wirkmacht nationalstaatlicher Grenzziehungen reflektiert und welche ästhetischen Strategien er findet, um individuellen und kollektiven Fluchtgeschichten gerecht zu werden, deren Erzählung und Erinnerung über einen nationalen Rahmen hinausgeht. Der Roman, so die These der weiteren Ausführungen, nähert sich diesen Erfahrungshorizonten über das Aufbrechen von räumlichen, sprachlichen und nationalen Grenzen an. Dies wird nachverfolgt in der Gestaltung des Textes als Nachrichtenaustausch in einem virtuellen Facebook-Chat, der den medialen Bedingungsraum für die von den Figuren zur Sprache gebrachten Grenzüberschreitungen bildet. Weiterhin werden Reflexionen von Sprachlosigkeit und der (Un-)Möglichkeit des Sprechens ebenso wie Sprachgrenzen überschreitende Formen der Mehrsprachigkeit und Übersetzung in den Blick genommen, die auf ihren Ausgangspunkt in der traumatischen Flucht vor Krieg und Tod verweisen. Varatharajahs Roman erweitert darüber hinaus die zeitlich und geografisch verorteten individuellen Exil-Biografien der beiden Schreibenden auf transnationale und transhistorische Erfahrungs- und Erinnerungsräume hin und präsentiert sich als archivalische Sammlung kollektiver Fluchtgeschichten.

Flüchtige Räume: Erzählen im entgrenzten virtuellen Raum

5Der Roman ist als Protokoll des Nachrichtenverlaufs eines digitalen Facebook-Chats gestaltet, inklusive Namens- und Zeitangaben sowie der bildlichen Kennzeichnung von Nachrichten, die von einem mobilen Gerät gesendet wurden. Vor der Zunahme der Zeichen lässt sich daher als „moderner Briefroman“ (Rösch und Bauer, 2018: 48) beschreiben und weist Parallelen zur „email novel“ (Teupert, 2018: 4) auf. Jedoch weicht die Unterhaltung im Fortgang des Textes immer mehr von einem dialogischen Frage-Antwort-Schema ab; vielmehr reihen sich erzählte Erlebnisse der Vergangenheit und gegenwärtige Momentaufnahmen achronologisch und lose nebeneinander, wobei assoziative Verbindungslinien zwischen den präsentierten Erfahrungen und Erinnerungen der beiden Schreibenden erkennbar sind. Die narrativen Passagen bleiben dabei stets fragmentarisch und ausschnitthaft, was durch die Kürze der Chat-Beiträge und den wiederholten Abbruch des Gesprächs zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten noch verstärkt wird. In dem vornehmlich deutschsprachigen Text tauchen zudem wiederholt fremdsprachige Satzteile ebenso wie intertextuelle Verweise auf Bibelstellen und philosophische bzw. literarische Schriften von Wittgenstein bis Kafka und Celan auf (vgl. Bidmon, 2017: 75), die beiläufig in die Erzählungen der beiden Figuren integriert werden. Der Text gleicht damit einer Collage aus (scheinbar) nicht zusammengehörigen Textelementen heterogener Herkunft, die sich nicht zu einem einheitlichen Ganzen fügen. Die disparate und unvollständige Erinnerung an Flucht und Ankunft im Exil, von welcher die Figuren immer wieder berichten, findet dahingehend ihren Ausdruck in der Erzählweise des Romans: Die erlebten Brüche schreiben sich auf struktureller Ebene als Leerstellen und fragmentarische Absätze in den Text ein, der in der Form des Chat-Protokolls den Versuch der lückenhaften Rekonstruktion vergangener Erfahrungen von Entortung und Verlust dokumentiert und reflektiert.

  • 3 Vgl. zur Form des Textes als Facebook-Roman in Verknüpfung mit Motiven der Flüchtigkeit den Aufsatz (...)

6Genauso unvermittelt, wie das Gespräch beginnt, endet es am Ende des siebentägigen Nachrichtenverlaufs auch wieder – eine langfristige Bekanntschaft oder gar eine Begegnung außerhalb des virtuellen Raums ergibt sich im Text nicht. Der Raum des Facebook-Chats fungiert somit als virtueller Transit-Ort der temporären Begegnung und flüchtigen Kommunikation über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg, was durch die zu verschiedenen Uhrzeiten und von ortsunabhängigen Endgeräten aus gesendeten Nachrichten noch zusätzlich verdeutlicht wird3. Damit steht der virtuelle Raum in Analogie zu den im Text erzählten Räumen, welche die Figuren unter permanenter Überschreitung nationaler Grenzlinien durchqueren. Dabei verweisen die temporären Studien- und Arbeitsstätten in Marburg und Berlin sowie kurzweilige Aufenthaltsorte in Priština, Madrid, Oslo, Tokyo und New York auf die zunehmende globale Vernetzung zu Beginn des 21. Jahrhunderts und die damit einhergehende freie Mobilität. Die im Roman inszenierte Entgrenzung von Bewegung und Kommunikation wird jedoch immer wieder mit der Beschreibung unfreiwilliger Immobilität in deutschen Flüchtlingsunterkünften und Asylbewerberheimen sowie mit der Erinnerung an die erste erzwungene Grenzüberschreitung, der Flucht aus Kriegsgebieten in Sri Lanka und im Kosovo, gebrochen. Entsprechend sind Senthils und Valmiras Bewegungen durch den virtuellen Raum von der beiderseits erlebten vergangenen Entortung geprägt, wovon auch ihre scheiternden Verortungsversuche an verschiedenen Plätzen in Marburg, dem gemeinsamen Studienort, zeugen (vgl. 64–65).

7Die fehlende räumliche Verhaftung der Figuren, die sich vornehmlich in temporären Durchgangsorten aufhalten, entspricht dabei der medienspezifischen Ortsungebundenheit einer Begegnung im virtuellen Raum, die jenseits von (nationalstaatlicher) Herkunft, Zugehörigkeiten oder Grenzen stattfindet (vgl. Rutka, 2019: 602). Die räumliche und zeitliche Distanz, die das Gespräch der beiden kennzeichnet, wird im Text als Bedingung der Möglichkeit des gegenseitigen Erzählens reflektiert: „Valmira Surroi: Wir können nur aus dieser Entfernung zueinander sprechen. Senthil Vasuthevan: ich weiß.“ (120). Die Kommunikationssituation eines zeitlich wie räumlich entgrenzten Sprechens im virtuellen Raum eröffnet im Verlauf des Textes den Rahmen dafür, von der Fragilität eines Lebens in Transit-Zonen zu erzählen, wobei zugleich Momente flüchtiger Verortung und Zugehörigkeit im Aufdecken von geteilten Erfahrungen aufscheinen: Innerhalb des Raums des Facebook-Chats tauschen die aus unterschiedlichen Kriegsgebieten geflüchteten Figuren intime Erfahrungen von Ausgrenzung und rassistischer Diskriminierung aufgrund von Namen, Herkunft oder (in Senthils Fall) Hautfarbe aus und erkennen im Laufe des Gesprächs Parallelen und Überschneidungen in ihren individuellen Flucht- und Migrations-Biografien (vgl. Rösch und Bauer, 2018: 54; vgl. Teupert, 2018: 3). Damit wird der raumzeitlich entgrenzte virtuelle Facebook-Chat auch als transnationaler Verständigungs- und Artikulationsraum für Exilierte aus unterschiedlichen Sprach-, Herkunfts- und Nationalkontexten lesbar.

Flüchtige Sprachen: Erzählen über die Grenzen der Sprache hinaus

8Varatharajahs Vor der Zunahme der Zeichen ist, wie Dirk Knipphals im Interview mit dem Autor bemerkt, „kein ‚Roman über…‘, sondern ein Roman, der eine Sprache sucht – und oft auch findet“ (2017: 15). Der im Text dargestellte Versuch der beiden Schreibenden, einen adäquaten sprachlichen Ausdruck für die erlebten Erfahrungen zu finden, wird dabei begleitet von einer sprachkritischen Reflexion der (Ausdrucks-)Möglichkeiten von Sprache, die immer wieder auf konkrete Erlebnisse von Flucht und gewaltsamer Vertreibung zurückgeführt wird. In Anlehnung an Ludwig Wittgenstein begreift Senthil die gemeinsame Unterhaltung mit Valmira als ein Sprechen an den Grenzen und von den Rändern der Sprache her: „und trotzdem rennen wir gegen die grenzen der sprache an. niemand wird wissen, von welchen rändern wir aus [sic] sprechen, und dass wir darüber sprechen können, ändert nichts daran“ (30). In dieser programmatischen Äußerung wird mittels der semantischen Ambivalenz des Wortes ‚darüber‘ zugleich das Sprechen von diesen Grenzen wie auch das Überschreiten derselben deutlich gemacht (vgl. Hampel, 2018: 454). Die von Senthil und Valmira angestellten sprachphilosophischen Betrachtungen bleiben jedoch nicht abstrakt, sondern bewegen sich stets entlang ihrer persönlichen Erfahrungen von erzwungenem Sprachverlust und Sprachwechsel als Folge der Exilierung. Räumliche und sprachliche Grenzübertretungen werden im Text dementsprechend analog gesetzt (vgl. ebd.: 453; vgl. Teupert, 2018: 12), wobei das Sprechen selbst als Fluchtbewegung reflektiert und mit einem Grenzgang in sowohl geografischer als auch linguistischer Hinsicht verknüpft wird:

„vielleicht sprechen wir, um an das ende dieser und jeder möglichen sprache zu gelangen, westwärts, achttausendvierhundertdreiundachtzig kilometer, über moskau und berlin und über die routen und kadenzen und abwege der sätze“ (95).

9Diese mehrfache Grenzüberschreitung wird enggeführt mit der Konkretheit des Todes, dem Senthil und Valmira durch ihre Flucht vor Kriegen in ihren Herkunftsländern entkommen sind und der damit unauflösbar mit den Möglichkeiten des Sprechens verbunden bleibt, wie Senthil feststellt:

„ich glaube, erst jetzt beginne ich zu verstehen, dass von anfang an der tod unserer sprache vorausging. ich glaube, erst jetzt beginne ich zu verstehen, dass er die bedingung der möglichkeit und wirklichkeit unseres sprechens war, ist und bleiben wird, bis zum ende. wir wären nicht in dieses land und nicht in diese sprache und ich vielleicht auch nicht in diese schrift gekommen, wenn er uns nicht erwartet hätte, in jaffna, in prishtina; […]. das, was wir, das, was ich – kann ich für mich sprechen? gibt es eine stimme? und wenn es sie gibt, wie weit entfernt ist sie dann von der sprache? – sage, ist leer und nur ein zeichen einer vernichtung, der wir entkommen sind, so, wie auch wir, unser körper, unser sprach- und schriftkörper, immer ein zeichen der vernichtung gewesen sein werden“ (152).

10Der drohende Tod angesichts von Gewalt und Verfolgung als Angehörige einer bestimmten sprachlich bzw. ethnisch definierten Gruppe ist Ursache ihrer Flucht nach Deutschland und damit des Erwerbs der deutschen Sprache, in der die beiden ihre Erfahrungen zu verschriftlichen versuchen. Das gemeinsame Gespräch erweist sich somit als Suche nach einem sprachlichen Ausdruck im Bewusstsein des eigenen Überlebens und des Todes anderer, die keine Stimme mehr haben und deren endgültige Sprachlosigkeit die Möglichkeiten des eigenen Sprechens begrenzt (vgl. Teupert, 2018: 12). Angesichts der konkreten Realität des Todes werden nicht nur Menschen, sondern auch die Sprache und das Sprechen selbst ‚flüchtig‘: Das Erzählen von dieser Flucht bedeutet ein Sprechen für die Toten und ist nur möglich aus der Erinnerung an deren Tod heraus, der sich als traumatische Lücke bzw. als leeres Zeichen in die Sprache der Exilierten einschreibt und von welcher der Text selbst mit seinen typografischen Leerzeilen und semantischen Leerstellen zeugt.

11Der Versuch, die infolge der Flucht erlebte Sprachlosigkeit in beiderseitigem Schreiben zu überwinden, vollzieht sich für Senthil und Valmira in unterschiedlichen sprachlichen Artikulationsweisen, die auf ihre spezifische Flucht- und Migrationsbiografie rückführbar sind und den Figuren jeweils eine individuelle Stimme verleihen. Senthils Sprache ist durchzogen von Konjunktiven, Negationen und rhetorischen Fragen, seine Sätze sind hypotaktisch, verschlungen und bleiben oft fragmentarisch, was auf ein permanentes Umgehen der von ihm reflektierten (sprachlichen) Leere angesichts des Todes hinweist, womit er sich aber auch jeglicher Endgültigkeit oder Totalität des Sprechens entzieht. Die Einbindung sprachphilosophischer Reflexionen und biblischer Bildsprache verdeutlicht seine Suche nach Sinn und Bedeutung aus der Erfahrung von Krieg, Vertreibung und Tod heraus und zeugt von der Bemühung um eine Sprache, die dem Erlebten gerecht wird. Seine konsequente Kleinschreibung wurde bisher als Demokratisierung der Sprache im virtuellen Raum gedeutet (vgl. ebd.: 4); darüber hinaus verweist sie auch auf Senthils kritisches Bewusstsein von der Arbitrarität sprachlicher Zeichen und der Unzulänglichkeit der Sprache angesichts traumatischer Erfahrungen, das sich bereits in seinen ersten Schreibversuchen im Deutschen nach der Flucht zeigt: „meine schrift verrutschte. meine sprache verrutschte.“ (50)

  • 4 Die für Valmira prägende Verknüpfung von Scham und Sprache wird im Text auch anhand der Polysemie d (...)

12Während Senthils Schreiben im Exil das Umkreisen der tödlichen Leere des Todes und das Scheitern einer Sprache dafür ausstellt, reflektiert Valmira die Sprache vor allem als schambesetzt: Einerseits in Bezug auf die Konfrontation mit einer unbekannten Fremdsprache nach der Ankunft und die damit einhergehenden sprachlichen Unsicherheiten (vgl. 75), andererseits hinsichtlich der Erfahrung, dass ihr und ihren Eltern Sprachkompetenz im Deutschen aufgrund von Vorurteilen abgesprochen wird (vgl. 91)4. So bekräftigt auch Senthil: „nur gebrochenes deutsch wird uns zugestanden“ (191), wobei er diese Zuschreibung durch seine komplex verschachtelten und verschlungenen Satzkonstruktionen zugleich als unzutreffend entlarvt. In starkem Kontrast zu Senthil – und zu gängigen Schreibweisen in der Online-Kommunikation – sind Valmiras Nachrichten von korrekter Orthografie und verständlichem Satzbau gekennzeichnet und erscheinen damit als komplementärer Versuch der Entkräftigung entsprechender Stereotypisierungen. Beide Figuren reflektieren zudem die Scham des Verlernens bzw. der unzureichenden Beherrschung der Erstsprache, die von der Elterngeneration als Verrat angesehen wird (vgl. 153, 154). Die Erfahrung der Scham bewegt sich zwischen dem Nicht-Sprechen-Dürfen der Sprache des Exillandes und dem Nicht-Sprechen-Können der Sprache des Herkunftslandes und verweist auf eine Sprach(en)losigkeit bzw. ein Sprechen an den Grenzen der Sprache im mehrfachen Sinne (vgl. Klueppel, 2020: 6). Sprache ist im Roman damit auch Reflexionspunkt der Frage nach den Möglichkeiten des Ankommens und Nicht-Ankommen-Könnens im Exilland angesichts von Fremdzuschreibung, Ausgrenzung und dem Absprechen von nationalsprachlicher Zugehörigkeit.

13Entgegen der erlebten Sprachlosigkeit wird das Überschreiten von Sprachgrenzen im Verlauf des Gesprächs weiterhin in Momenten der Mehrsprachigkeit und Übersetzung deutlich gemacht, die als Mittel der grenzüberschreitenden Verständigung und des Ausdrucks von transnationalen Erfahrungsräumen erkennbar werden. Dabei wird der ansonsten einsprachig gehaltene Text von fremdsprachigen Wörtern und Passagen aus dem Tamilischen und Albanischen, der Erstsprachen der beiden Schreibenden, aber auch aus dem Hebräischen, Englischen und Japanischen unterbrochen. Vor allem Valmira integriert mehrfach albanische Wörter und deren Übersetzung in ihre Erzählungen und versucht über den Umweg der Translation schmerzhafte migrantische Erfahrungen in Deutschland zu artikulieren (vgl. 72, 88, 155–156, 172–173). Diese Formen sprachlicher Entgrenzung werden zudem mit konkreten Gewalterfahrungen als Auslöser von Flucht und Exil in Verbindung gebracht, welche die beiden Geflüchteten bis in die Gegenwart prägen. So weist Valmira über die unterschiedlichen Schreibweisen ihres Geburtslandes Kosovo zwischen Albanisch und Serbisch auf Szenarien gewaltsamer Vertreibung und Verfolgung während der Jugoslawienkriege hin, ebenso wie auf den umstrittenen Status des Landes und den Souveränitätsanspruch Serbiens auf den Kosovo (vgl. 152–153). Die mehrsprachigen Passagen des Textes sind daher nicht als reines Sprachspiel oder Irritationsmoment zu deuten, sondern werden eng verknüpft mit den politischen Konfliktsituationen, die der Flucht beider Figuren und ihrer im Zuge dessen erlangten Mehrsprachigkeit vorausgehen.

14Auch Senthil greift auf seine nur bruchstückhaften Kenntnisse der tamilischen Sprache zurück, um den Bürgerkrieg in Sri Lanka und die Gewalt gegenüber der tamilischen Bevölkerung als Ursache seines Grenzübertritts nach Deutschland und des daraufhin erfolgten Sprachwechsels erzählbar zu machen:

senthil ist einer der namen murugans, sohn shivas, gott des krieges und des sieges; er wird auch tamil katavul genannt, gott der tamilen. so nannte sie mich. es war blut, es war, was du vergossen, herr. mein name war ein versprechen. der beamte sagte kein wort. wir durften gehen“ (249).

  • 5 Neben dieser intertextuellen Referenz lassen sich weitere Verbindungslinien zu Celans Werk und Poet (...)

15In dieser komplexen Textstelle am Ende des Romans lässt sich wiederum die Suche nach einer eigenen Sprache für das Erlebte über Umwege der Übersetzung, Zitation und religiösen Bildsprache erkennen. Dabei werden nicht nur unterschiedliche Sprachen in Translation gegenübergestellt, sondern auch über Verweise auf den Hinduismus sowie über ein unmarkiertes Zitat aus Paul Celans Gedicht Tenebrae von 1959 verschiedene religiöse und literarische Traditionslinien von Herkunfts- und Exilland überschritten und miteinander verflochten5. Damit erweitert sich der Text von der Erinnerung Senthils an die persönliche Fluchtgeschichte seiner Familie und die gewaltsame Verfolgung der tamilischen Bevölkerung in Sri Lanka hin zu dem für den deutschen Erinnerungsraum prägenden Gedächtnis des Genozids an den europäischen Jüdinnen und Juden. Der Roman eröffnet so über die individuell erzählten Biografien hinaus weitere transnationale bzw. transhistorische Perspektiven auf die Gewaltgeschichte(n) des 20. Jahrhunderts und deren Erinnerung jenseits nationaler Herkunft.

Flüchtige Grenzen: Erzählen transnationaler Fluchtgeschichten

16Entlang ihrer räumlichen und sprachlichen Grenzüberschreitungen werden Senthil und Valmira zu Reflexionsfiguren aktueller und vergangener politischer Konflikte und nehmen einen sensiblen Blick auf staatliche Machtstrukturen ein, innerhalb derer nationale Grenzübertritte reglementiert und sanktioniert werden. In die ausschnitthaften Erzählungen ihrer persönlichen Exil-Biografie werden immer wieder Bruchstücke von Geschichten anderer transnationaler Grenzbewegungen integriert: So wird die massenhafte Flucht infolge des Bürgerkriegs in Syrien seit 2011 über die Begegnung mit syrischen Geflüchteten aufgerufen, die in deutschen Flüchtlingsunterkünften oder in Istanbul vor den europäischen Botschaften ausharren (vgl. 121–123); ebenso werden Abschiebungen befreundeter türkischer Familien aus dem Asylbewerberheim angedeutet (vgl. 233). Durch die Integration multipler Erfahrungen von erzwungenen, verhinderten oder gescheiterten Grenzgängen, Asylsuche und Exilierung entsteht im Gespräch zwischen Senthil und Valmira in der Überschneidung vielfältiger politischer, nationaler und historischer Kontexte eine Sammlung transnationaler Fluchtgeschichten. Die beiden Exilierten werden als „Akteure des Transnationalen“ (Arnaudova und Bischoff, 2020: 10) erkennbar, die globale Szenarien von Flucht und Migration ins Blickfeld rücken und die Wirkmächtigkeit nationaler Grenzziehungen sowie die damit verbundenen gewaltsamen Ausgrenzungsmechanismen reflektieren.

17Eine Briefmarkensammlung, die Valmira im Asylbewerberheim anfertigt, wird zum zentralen Dingsymbol dieser grenzüberschreitenden Sammlung verstreuter Flüchtlings-Existenzen:

„Als wir im Heim wohnten, begann ich an [sic], Briefmarken zu sammeln. Die erste war die, die auf diesem Umschlag klebte, Du weißt, welchen ich meine, und ich fragte einige Kinder, ob sie mir die Briefe bringen könnten, die ihre Eltern mitgenommen hatten, und auch die, die sie seit ihrer Ankunft hier erhielten. […] Rechts oben, über der ersten Reihe schrieb ich mit Bleistift die Namen der Länder, aus denen sie kamen, ich schrieb Aserbaidschan, Kosovo und Kongo, ich habe Pakistan, Türkei und Vietnam darauf geschrieben. […] Ich erinnere mich daran, wie er [der Erdkundelehrer, E.R.] Europa und jedes Land darin an die Tafel gezeichnet hatte und wie er nach der Stunde über sie wischte. Ich dachte, nur Postsendungen könnten zurückgeschickt werden. Ich ordnete die Länder in meinem Album nach dem Alphabet, und wenn ich Briefmarken aus einem Land bekam, aus dem ich bisher noch keine hatte, radierte ich ihre Namen heraus, und ich schrieb sie auf die Seiten davor oder dahinter und unter den Namen konnte ich immer noch die lesen, die zuvor darin gestanden hatten, aber auf der Tafel war nichts mehr zu sehen“ (180–182).

18Weltweite Migrations- und Fluchtbewegungen von Menschen zahlreicher Länder, die im Asylbewerberheim für kurze Zeit an einem Ort zusammenkommen, werden hier über die einzelnen Briefmarken sowie die Nennung der dazugehörigen Ländernamen metonymisch aufgerufen und mit dem Verkehr von Briefen und Postsendungen enggeführt (vgl. Teupert, 2018: 6). Mit dem Löschen der an die Tafel gezeichneten Länder im Erdkundeunterricht wird dabei auf die Ausweisung von Asylsuchenden aus Deutschland und damit die Wirkmacht bürokratischer Kategorisierung von Menschen aufgrund nationaler Grenzziehungen hingedeutet. Als bewegliche Dinge erhalten die Briefmarken vor diesem Hintergrund eine existenzielle Bedeutung: Sie kleben sowohl auf den Umschlägen, die über den weiteren Aufenthalt in Deutschland entscheiden, als auch auf den Briefen ferner Angehöriger aus dem Herkunftsland. Die im Album versammelten Briefmarken der zahlreichen Bewohner*innen des Asylbewerberheims verweisen dementsprechend auf vergangene und gegenwärtige Erfahrungen von Flucht, Ankunft, Asylsuche und Exilierung. Das Briefmarkenalbum bildet so als komplementäres Gegenstück zum digitalen Facebook-Chat ein haptisch erfahrbares Archiv, in dem zahlreiche Fluchtgeschichten aufbewahrt und erinnert werden. In seiner beschriebenen Machart stellt das Briefmarkenalbum zudem einen Gegenentwurf zur festen Einordnung von Menschen nach nationaler Herkunft dar. Es verzeichnet die verschiedenen Länder zwar voneinander getrennt und reflektiert damit die Existenz der jeweiligen Nationalstaaten, lässt diese aber im Prozess des Über- und Neuschreibens verschwimmen und gleichzeitig lesbar werden. Das Album transportiert in seiner palimpsestartigen Gestaltung auch eine Idee der Rettung: Die verzeichneten Herkunftsländer der Heimbewohner*innen werden nicht vollständig aus dem Sichtfeld entfernt, sondern bleiben in der dynamischen und unabgeschlossenen Sammlung verstreuter Flüchtlings-Existenzen erhalten. Durch Überblendung und Überschreibung verschiedener Nationalitäten, die den realen Prozess der Flucht, Neuverortung und Akkulturation im Exilland aufrufen, erzeugt das Briefmarkenalbum transnationales Potenzial in der Entgrenzung und Vermischung von Zugehörigkeit und Gemeinschaft entgegen einseitiger nationalstaatlicher Fixierung.

Flüchtige Existenzen: Erzählen in permanenter Flucht-Bewegung

19Der Facebook-Chat und damit der Roman enden mit Valmiras Aufbruch nach Priština, ihrer Geburtsstadt, der jedoch nicht als endgültige Heimkehr inszeniert wird, sondern als temporäre Reise zu einer weiteren Durchgangsstation (vgl. 13; 21). Ihr Aufbruch bildet damit zwar das Ende der Unterhaltung, aber auch die Fortführung der den Roman durchziehenden permanenten Flucht-Bewegung der Figuren. Auf den letzten Seiten wird dies in einem dialektischen Wechselspiel von bruchstückhaften Erzählungen des Ankommens und Gehens verdeutlicht, die auf den Anfang der Flucht und den Beginn des Exils zurückverweisen, aber kein klares Ende dessen markieren (vgl. Teupert, 2018: 17). Valmiras Nachrichten schildern mit dem wiederholten Einstieg „Wir kommen“ (241, 243) bzw. „Wir kamen“ (247) die Ankunft ihrer Familie im Asylbewerberheim, denen Senthils Nachrichten mit der wiederholten Phrase „wir gehen“ (242, 245, 248, 250) und der Beschreibung zahlreicher Grenzübergänge bis nach Deutschland spiegelbildlich gegenüberstehen. So verweisen die letzten beiden von Senthil geschriebenen Worte des Textes, „wir gehen“ (250), auf die mit Valmira geteilten vergangenen und zukünftigen Grenzüberschreitungen und auf die unabschließbare Flucht-Bewegung beider – der Aufbruch wird als dauerhafte Erfahrung der exilierten Figuren reflektiert, eine endgültige Ankunft bleibt aus (vgl. Teupert, 2018: 17; vgl. Klueppel, 2020: 19).

20Über die Inszenierung eines permanenten Aufbrechens von räumlichen, sprachlichen und nationalen Grenzlinien und über diese hinweg schreibt Vor der Zunahme der Zeichen damit an gegen homogene Vorstellungen von Herkunft oder Identität und präsentiert stattdessen eine prozesshafte und uneinheitliche Sammlung von transnationalen Flucht- und Migrationsgeschichten, in der diese in ihrer Heterogenität (auf-)bewahrt und über die Grenzen des Nationalen hinaus erinnerbar werden. Anstelle der bruchlosen Rekonstruktion einer verlorenen oder wiedergefundenen (nationalen) ‚Heimat‘ im Exil setzt der Roman in seiner collagenhaften Komposition Momente flüchtiger und fließender Verortung sowie multipler Zugehörigkeit in einer grenzüberschreitenden Erzähl-Bewegung. Innerhalb des nur temporär zugänglichen Transit-Orts des virtuellen Facebook-Chats finden Senthil und Valmira aus der Sprachlosigkeit heraus eine flüchtige Sprache, ein „Alphabet des Exils“ (Feßmann, 2016), das sich außerhalb von grammatischen Sprachvorgaben, staatlichen Sprachdiktionen und homogenen Sprachvorstellungen bewegt und als Ausdrucks- und Verständigungsmittel von Flucht- und Exilerfahrungen jenseits nationalsprachlicher Zuschreibungen wirksam wird. Der Roman zeigt, wie vom Exil an den Rändern und Grenzen der Sprache – und diese in einer stetigen Flucht-Bewegung überschreitend – erzählt werden kann, indem die traumatischen Fluchtpunkte von Vertreibung, Entortung, Gewalt und Tod als Brüche und Leerstellen in den Biografien der Exilierten, in ihrem Sprechen und im Textkörper selbst sichtbar werden. Damit zeugt der Text nicht zuletzt, wie Varatharajah in seinem Merkur-Essay programmatisch ausführt, vom Aufbruch der Literatur in eine „fremd[e], eine andere Sprache“ durch den „Einbruch der Sprache in die Sprache“ (Varatharajah, 2018).

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Bibliographie

Primärliteratur

Varatharajah, Senthuran (2016): Vor der Zunahme der Zeichen, Frankfurt/Main.

Sekundärliteratur

Arnaudova, Svetlana und Doerte Bischoff (2020): Einleitung, in: Svetlana Arnaudova und Doerte Bischoff (Hg.): Figuren des Transnationalen. (Re-)Visionen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Dresden, S. 9–16.

Bidmon, Agnes (2017): Sex, Drugs, Abschiebung. „Arabische Jungs“ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, in: Teresa Hiergeist (Hg.): Parallel- und Alternativgesellschaften in den Gegenwartsliteraturen, Würzburg, S. 51–79.

Bischoff, Doerte und Susanne Komfort-Hein (2019): Programmatische Einleitung: Literatur und Transnationalität, in: Doerte Bischoff und Susanne Komfort-Hein (Hg.): Handbuch Literatur & Transnationalität, Berlin und Boston, S. 1–46.

Celan, Paul (2014): Der Meridian, in: Werke. Prosa I. Zu Lebzeiten publizierte Prosa und Reden. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 15.1. Vorbereitet von Axel Gellhaus, herausgegeben von Andreas Lohr und Heino Schmull in Verbindung mit Rolf Bücher, Frankfurt/Main, S. 33–53.

Feßmann, Meike (2016): Das Alphabet des Exils. Wenn die Buchstaben aufbrechen: Senthuran Varatharajahs erstaunlich sprach- und formbewusster Debütroman „Vor der Zunahme der Zeichen“, Süddeutsche Zeitung [online], letzter Zugriff am 14.10.2021. URL: https://www.sueddeutsche.de/kultur/deutsche-gegenwartsliteratur-das-alphabet-des-exils-1.2918805

Hampel, Anna (2019): Das Politische be-sprechen. Zur politischen Gegenwartsliteratur am Beispiel von Senthuran Varatharajahs Vor der Zunahme der Zeichen, in: Christine Lubkoll, Manuel Illi und Anna Hampel (Hg.): Politische Literatur. Begriffe, Debatten, Aktualität, Stuttgart, S. 441–458.

Herrmann, Elisabeth, Carrie Smith-Prei und Stuart Taberner (2015): Transnationalism in Contemporary German-Language Literature, Rochester, NY.

Klueppel, Joscha (2020): Emotionale Landschaften der Migration: Von unsichtbaren Grenzen, Nicht-Ankommen und dem Tod in Stanišićs Herkunft und Varatharajahs Vor der Zunahme der Zeichen, in: TRANSIT, 12.2, S. 1–22.

Knipphals, Dirk (2017): Dramatisierung der Fremdheit. Senthuran Varatharajah lässt seine Figuren in einem Chat erzählen, in: Robert Bosch Stiftung (Hg.): Chamisso, 16, S. 14–17.

Rösch, Heidi und Susanne Bauer (2018): Migrantisch(es) Lesen: der Chat-Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ von Senthuran Varatharajah, in: Der Deutschunterricht: Beiträge zu seiner Praxis und wissenschaftlichen Grundlegung, 70.1, S. 48–57.

Rutka, Anna (2019): Zur Kontingenz der (Sprach)Zeichen als Folge von Flucht und Exil in Senthuran Varatharajahs Vor der Zunahme der Zeichen (2016), in: Kwartalnik Neofilologiczny, 4, S. 597–609.

Teupert, Jonas (2018): Sharing Fugitive Lives: Digital Encounters in Senthuran Varatharajah’s Vor der Zunahme der Zeichen, in: TRANSIT, 11.2, S. 3–20.

Varatharajah, Senthuran (2018): Etc. (Warten; Notizen zur leeren Hand), Merkur [online], letzter Zugriff am 14.10.2021. URL: https://www.merkur-zeitschrift.de/2018/09/26/etc-warten-notizen-zur-leeren-hand/

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Notes

1 Vgl. hierzu u. a. den Band von Arnaudova und Bischoff, 2020; vgl. weiterführend zu Gegenwartsliteratur und Transnationalität auch Herrmann, Smith-Prei und Taberner, 2015.

2 Im Folgenden wird aus der angegebenen Ausgabe mit der Seitenzahl in Klammer zitiert.

3 Vgl. zur Form des Textes als Facebook-Roman in Verknüpfung mit Motiven der Flüchtigkeit den Aufsatz von Jonas Teupert, der den Roman als eine „fugitive form of writing“ (2018: 6) herausstellt.

4 Die für Valmira prägende Verknüpfung von Scham und Sprache wird im Text auch anhand der Polysemie des deutschen Wortes ‚Scham‘ angedeutet, die Valmira mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens und damit mit sich selbst in Verbindung bringt: „Das V ähnelt der Vulva, der weiblichen Scham“ (69).

5 Neben dieser intertextuellen Referenz lassen sich weitere Verbindungslinien zu Celans Werk und Poetologie ziehen, auf die Varatharajah in seinem Merkur-Essay selbst im Rekurs auf Celans Büchner-Preis-Rede Der Meridian hinweist: „[…] jede Nachricht, die sich Senthil Vasuthevan und Valmira Surroi schicken, ist ein Vers, muss als ein Vers verstanden werden, als diese Zerbrechlichkeit, als dieses Aufbrechen. […] Sie, auch sie sind einsam und unterwegs, wie das Gedicht, das Celan so, in diesem Aufbruch, in diesem Aufbrechen und Aufgebrochensein beschreibt“ (Varatharajah, 2018). Davon ausgehend erinnert die dialogische Struktur in Vor der Zunahme der Zeichen an Celans Ausführungen zum Gedicht als Begegnung und Gespräch im Meridian: „Aber steht das Gedicht nicht gerade dadurch, also schon hier, in der Begegnung – im Geheimnis der Begegnung? Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber. Es sucht es auf, es spricht sich ihm zu […]; es wird Gespräch – oft ist es verzweifeltes Gespräch“ (Celan, 2014: 45).

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Pour citer cet article

Référence électronique

Elisa Risi, « Flüchtige Räume, Sprachen und Grenzen »Trajectoires [En ligne], 16 | 2023, mis en ligne le 13 mars 2023, consulté le 20 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/trajectoires/8896 ; DOI : https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.4000/trajectoires.8896

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Auteur

Elisa Risi

Doktorandin der Neueren deutschen Literaturwissenschaft, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Neuere deutsche Literatur, Philipps-Universität Marburg

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Droits d’auteur

CC-BY-NC-SA-4.0

Le texte seul est utilisable sous licence CC BY-NC-SA 4.0. Les autres éléments (illustrations, fichiers annexes importés) sont « Tous droits réservés », sauf mention contraire.

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