Navigation – Plan du site

AccueilNuméros16Echos„Das erlittene Exil erzwingt eine...

Echos

„Das erlittene Exil erzwingt eine Gewalt, die ihm eigen ist. Und die Sprache kann nicht unbeschadet daraus hervorgehen.“

Autorisierte Übersetzung des Gesprächs mit Marina Skalova
Verena Richter, Thomas Sähn et Theresa Wagner

Texte intégral

1Könnten Sie sich den Leser*innen der Zeitschrift Trajectoires vorstellen?

2Ich bin Schriftstellerin und literarische Übersetzerin. Ich wurde in Moskau in einer Familie mit jüdischem Hintergrund geboren. Ich bin in der Nähe von Paris und in Süddeutschland aufgewachsen. Ich habe in Paris, Berlin und Bern studiert. Seit 2016 habe ich mehrere Bücher veröffentlicht, einen zweisprachigen Gedichtband auf Deutsch und Französisch (Atemnot (Souffle court), Cheyne, 2016 / Héros-Limite, 2023), ein Theaterstück, das von einem Roadtrip von Berlin nach Moskau handelt (La chute des comètes et des cosmonautes, L'Arche, 2019), aber auch Bücher, die sich bewusst an der Schnittstelle zwischen den literarischen Genres bewegen (Exploration du flux (Seuil, 2018), Silences d'exils (en bas, 2020)). Die Frage des Exils ist in meinem Schreiben zentral. Ich verstehe das Übersetzen als komplementäre Tätigkeit, als eine Dialoghandlung, die organisch mit der des Schreibens verbunden ist. Aus dem Deutschen habe ich unter anderem Stücke von Thomas Köck, Katja Brunner und Werke von Dorothee Elmiger übersetzt, darunter das Buch Aus der Zuckerfabrik, das in einer gemeinsamen Übersetzung mit Camille Luscher im März 2023 bei Zoé erscheinen wird. Derzeit übersetze ich für verschiedene Verlage zeitgenössische russische Lyrik.

3Warum hat Sie Senthuran Varatharajahs Debütroman Vor der Zunahme der Zeichen, der 2016 im S. Fischer Verlag erschienen ist, so sehr angesprochen, dass Sie ihn übersetzen wollten? Wie sind Sie auf den Roman aufmerksam geworden?

4Ich habe den Roman Vor der Zunahme der Zeichen bei der Lesung der nominierten Texte für den Bachmannpreis entdeckt, zu der Senthuran Varatharajah eingeladen war. Ich fühlte mich sofort angezogen von der Sprache, durch die ich Lust bekommen habe, das ganze Buch sofort nach seiner Veröffentlichung zu lesen. Mich hat die Art und Weise bewegt, wie der Autor intime Erfahrungen, politische Realität und philosophisches Denken miteinander verwoben hat. Eine Dimension, die mir besonders gut gefallen hat, waren die Überlegungen zum sprachlichen Zeichen, zum Schriftbild der tamilischen Muttersprache und der Erfahrung ihres Verlusts, der (Un-)Fähigkeit, sie zu entziffern... Aber Senthuran Varatharajahs Roman ist nicht allein ein Zeitzeugnis, seine Tiefe schöpft ebenso in der Reflexion über die Fassbarkeit von zu Bildern gewordenen Erinnerungen, die Grenzen der Alphabetschrift, die Sprachlosigkeit des Geschriebenen, unlesbar gewordene Zeichen der Muttersprachen. Das, was am vertrautesten sein sollte, wird kryptisch und entfernt sich. Dieser Aspekt befindet sich in Resonanz mit meiner eigenen Beziehung zu meiner Muttersprache, dem Russischen, die ich erst wieder zurückerobern musste.

5Als Vor der Zunahme der Zeichen in Deutschland erschien, wurde es von der Literaturkritik als poetischer Roman bezeichnet, dessen Sprache sich teilweise sogar den gängigen Regeln der Grammatik widersetzt. Gleichzeitig bietet er eine tiefgründige Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen, die Welt durch Sprache zu beschreiben. Wie haben Sie die Übersetzung eines solchen Romans erlebt? Gab es besondere Schwierigkeiten, mit denen Sie konfrontiert waren?

6Als Literaturübersetzerin übersetzt man nicht Sprachen – in dem Sinne, dass man nicht von einem vorab festgelegten Deutsch in ein Französisch mit vordefinierten Regeln übersetzt –, sondern man übersetzt Autor*innen. Jede Stimme, jede einzigartige Sprache, die ein*e Schriftsteller*in erfindet, erfordert, dass man auch selbst seine Werkzeuge neu erfindet und neu schärft, um die Schreibgeste des Autors oder der Autorin zu rekonstruieren. Bei Senthuran Varatharajah trägt der Rhythmus den Satz und dieser kann tatsächlich dazu führen, dass die Syntax verschoben wird. Es geht zunächst darum, auf die Poesie und den Atem zu hören, die diesem Schreiben eigen sind, sie in sich widerhallen zu lassen, um darauf zu antworten und sie in die andere Sprache weiterzutragen. Dadurch, dass der Autor manchmal die Regeln der deutschen Syntax verbiegt, entsteht ein sanfterer Satzfluss, eine Geschmeidigkeit, die ihm in mancher Hinsicht eine Nähe zum Französischen verschafft, obwohl das Französische mehr Schwierigkeiten bei der Verwendung von Relativsätzen hat. Solche langen, sehr melodischen Sätze erinnern beispielsweise an die lyrische Sprache von Bernard-Marie Koltès' La nuit juste avant les forêts. Eine weitere Herausforderung bei der Übersetzung dieses Buches besteht darin, auf die kindliche Sprache zu achten, auf ihre Lebendigkeit, ihre Prägnanz und ihre unmittelbare Intelligenz. Das Schreiben bewegt sich oft auf einem schmalen Grat zwischen kindlicher Mündlichkeit, poetischer Virtuosität und philosophischer Tragweite. Es gilt also, dem verbalen Einfallsreichtum des Kindes ebenso treu zu bleiben wie der gedanklichen Tiefe der erwachsenen Figuren. Diese Dimension hat mir besonders gut gefallen.

7Im Jahr 2020 haben Sie in Zusammenarbeit mit der Fotografin Nadège Abadie das Buch Silences d'exils veröffentlicht. Können Sie uns ein wenig mehr über die Entstehung dieses Buches erzählen?

8Silences d'exils ist zunächst aus meiner Begegnung mit Nadège Abadie entstanden, aus dem Wunsch, unsere künstlerischen Sprachen zusammenzubringen und die Mauern der Orte zu durchbrechen, an denen Menschen, die in unseren Ländern Asyl beantragen, eingesperrt werden. Nadège lebte in Frankreich, ich in der Schweiz. Wir haben beschlossen, dass das Projekt in der Schweiz stattfinden sollte. Wir wollten mit Formen des kollektiven Schaffens experimentieren, ausgehend von Schreib- und Fotoworkshops, die wir mehreren Einrichtungen angeboten haben, die in drei Schweizer Städten (Genf, Biel und Neuenburg) Menschen im Exil beherbergen.

9Ich hatte auch den – intimeren – Wunsch, über die Enteignung der Sprache durch die Erfahrung des Exils nachzudenken, insbesondere über den Begriff der Sprachlosigkeit, der Abwesenheit von Sprache, des sprachlosen Zustands, des Moments, in dem die Sprache abgeschnitten oder nicht mehr möglich ist. Das hat mich zunächst an den Mythos von Philomena erinnert, der nach einer Vergewaltigung die Zunge herausgeschnitten wird, wodurch sie jeder Möglichkeit eines eigenen Sprechens beraubt wird. Das erlittene Exil erzwingt eine Gewalt, die ihm eigen ist. Und die Sprache kann nicht unbeschadet daraus hervorgehen.

10Das Buch entsteht aus der Verflechtung dieser verschiedenen Fäden: literarisches und fotografisches Medium, kollektives Schreiben im Rahmen der Workshops, reflexive Dimensionen rund um Sprache und Mangel, Konfrontation zwischen der zeitgenössischen Erfahrung der Exilierten und meiner eigenen Exilerfahrung, die von einer "kleinen Stimme", eine durch eine kleinere Typografie gekennzeichnete Schrift, in die Erzählung hineingetragen wird, indem sie Erinnerungen, Traumgeschichten und Gedanken über die Sprache miteinander verbindet.

11Mit dem Auftrag „Zeugnisse“ von Menschen „einzusammeln“, die in der Schweiz im Exil leben, scheint die Erzählerin, wie auch die Figuren, ständig auf der Suche nach einer Sprache zu sein, die sowohl das ausdrücken kann, was gesagt wird, als auch das, was in einem „lauten Stimmgewirr“ zu verschwinden droht. Das Schreiben scheint manchmal eher eine Einschränkung als ein Mittel zur Überwindung dieses Paradoxes zu sein, und das nicht nur für die Exilierten, sondern auch für das „Ich“ selbst. Können Sie uns sagen, was dieses Paradox für Sie bedeutet und inwiefern es den Entstehungsprozess dieses Buches und seine endgültige Form beeinflusst hat?

12Das Projekt Silences d'exils war das Ergebnis einer persönlichen Initiative, aber es stimmt, dass einige institutionelle Partner, mit denen wir zusammengearbeitet haben, Erwartungen haben konnten. Unsere Rolle bestand nicht unbedingt darin, diese zu erfüllen. Ich habe mich daher auch dafür entschieden, innerhalb des Buches zeitweise die Rolle von Künstler*innen zu hinterfragen, die Menschen in Notsituationen begleiten. Die Ich-Erzählerin befindet sich tatsächlich in der Situation einer Zeugin. Sie bezeugt manchmal das Unfassbare, das von den Zeugen berichtet wird und das sowohl in ihren Worten als auch in den Leerstellen zwischen den Worten, den Zwischenräumen und dem Schweigen enthalten ist. Es geht nicht so sehr darum, daraus eine Sprachphilosophie abzuleiten, sondern eher, eine Form der Beziehung zur Gegenwart herzustellen, indem wir über die oft abgebrochenen Stämme ihrer Erzählungen stolpern. Die Sprache hält Spuren fest, sie berichtet von dem, was übrig bleibt, was nach den Überfahrten derjenigen, die ihr Leben riskiert haben, an die Küste gespuckt wird …

13Außerdem kann uns das Schreiben, sofern wir uns auf ein literarisches Projekt einlassen, mit erheblichen inneren Widerständen konfrontieren. Dies ist wahrscheinlich das, was die Erfahrung der Exilierten, die sich in der Schreibwerkstatt versammelt haben, mit der der Erzählerin verbindet: Die Sprache widersetzt sich, drängt aber nach außen. Es gibt sowohl ein Bedürfnis, zur Sprache zu kommen, damit sie ein Außen für die innere Erfahrung bietet, als auch eine Versuchung, sich in Schweigen zu hüllen. Ich denke oft an die Dialektik zwischen Schwäche und Stärke, die im Schweigen am Werk ist: Es ist gleichzeitig der Verzicht auf das Sprechen, auf die Einnahme eines Platzes durch das Wort, aber manchmal auch der einzige, der letzte mögliche Widerstand.

14Die Frage der Übersetzung scheint auch in Ihrem Buch allgegenwärtig zu sein, und zwar in all ihren Formen. In einem Text, der wie eine Collage aus verschiedenen Sprachen gelesen werden kann, deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten ständig hinterfragt werden, erscheint die Übersetzung zunächst in ihrer zwischensprachlichen Form. Sie zeigt sich aber auch in ihrer innersprachlichen Form, wenn diese auf Französisch produzierten Texte überarbeitet und neu gestaltet werden, um sie anderen zu präsentieren. Und schließlich gibt es auch ihre intermediale Form, wenn die Texte mit den von Nadège Abadie aufgenommenen Fotos interagieren. Ist die Übersetzung für Sie eine Notwendigkeit, um den Zwängen einer bestimmten Sprache zu entgehen? Oder ist der ständige Wechsel von einer Sprache zur anderen, von einer Kommunikationsform zur anderen, letztlich Ausdruck einer ständigen Flucht von einer sprachlichen Heimatlosigkeit in die andere?

15Ich habe das Glück, zwischen mehreren Sprachen zu leben und mich daher in einem ständigen Bewegungsfluss zu befinden. Die Übersetzung ist die Voraussetzung für diese Fluidität, sie ist es, die einen Kreislauf schafft. In Silences d'exils spielt die Übersetzung tatsächlich auf mehreren Ebenen eine Rolle. Bevor es ein Buch wurde, handelte es sich um Workshops, Begegnungen und menschliche Erfahrungen. Angesichts der Schwierigkeit, sich mit einigen Exilierten zu verständigen, mussten wir eine Art Floß basteln, das aus Wortspielen, Zeichnungen, Fotos usw. bestehen konnte. In diesem Rahmen waren die phonetische Übersetzung und die besonders aufmerksame Einbindung von Homophonien eine wertvolle kreative Ressource. Da die Workshops sowohl in Genf, das heißt in der französischsprachigen Schweiz, als auch in der Stadt Biel im deutschsprachigen Kanton Bern stattfanden, war es für uns interessant zu beobachten, wie die Ankunft der Exilierten auf beiden Seiten der Sprachgrenze in der Schweiz abläuft. In diesem Rahmen entstand ein Austausch auf Deutsch mit Geflüchteten aus Syrien und dem Irak, deren Muttersprache Arabisch war. Ich habe im Buch die Übergänge von einer Sprache in die andere dokumentiert, ebenso wie die Transformationen vom Mündlichen ins Schriftliche und habe damit eine Form von work in progress gefördert, ein Labor, in dem die Sprache gleichzeitig das Material und der Untersuchungsgegenstand war. Es ging darum, den Mangel und den Verlust zu hinterfragen, aber auch darum, nicht bei einem enttäuschenden Befund stehen zu bleiben, im Sinne einer Wehklage. Hier kommt die Übersetzung ins Spiel, mit den Spielarten des Möglichen, die sie mit sich bringt.

Haut de page

Pour citer cet article

Référence électronique

Verena Richter, Thomas Sähn et Theresa Wagner, « „Das erlittene Exil erzwingt eine Gewalt, die ihm eigen ist. Und die Sprache kann nicht unbeschadet daraus hervorgehen.“ »Trajectoires [En ligne], 16 | 2023, mis en ligne le 13 mars 2023, consulté le 24 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/trajectoires/8894 ; DOI : https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.4000/trajectoires.8894

Haut de page

Auteurs

Verena Richter

Articles du même auteur

Thomas Sähn

Articles du même auteur

Theresa Wagner

Articles du même auteur

Haut de page

Droits d’auteur

CC-BY-NC-SA-4.0

Le texte seul est utilisable sous licence CC BY-NC-SA 4.0. Les autres éléments (illustrations, fichiers annexes importés) sont « Tous droits réservés », sauf mention contraire.

Haut de page
Rechercher dans OpenEdition Search

Vous allez être redirigé vers OpenEdition Search