Navigation – Plan du site

AccueilNuméros16EchosExilliteratur(en) – deutsch-franz...

Echos

Exilliteratur(en) – deutsch-französische Blickwechsel

Einleitung
Verena Richter, Thomas Sähn et Theresa Wagner

Texte intégral

1Im Sommer 2015 spielten sich katastrophale Szenen an den Außen- und Binnengrenzen des Schengen-Raums auf der Balkan-Route ab. Auslöser dieser humanitären Krisensituation war ein rasanter Anstieg der Anzahl der Flüchtenden und somit auch der Asylanträge innerhalb der Europäischen Union. In diesem humanitären Krisenkontext trat die Flucht-, Migrations- und Exilthematik, die seitdem stark in den politischen und medialen Diskursen vertreten ist, umso vehementer in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur hervor. Autor*innen, die selbst die Erfahrung des Exils gemacht haben, publizieren Erzähltexte, die diesen Umbruch reflektieren. Dazu zählen Romane und Erzählungen wie beispielsweise Ohrfeige (2016) von Abbas Khider, Nach der Flucht (2017) von Ilija Trojanow, Gott ist nicht schüchtern (2017) von Olga Grjasnowa oder Herkunft (2019) von Saša Stanišić. Obgleich sie teils von Ereignissen handeln können, die weit vor der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ im Jahr 2015 anzusiedeln sind, zeugen diese Texte doch von aktuelleren Auseinandersetzungen der Autor*innen mit dem Themenkomplex ‚Flucht, Migration und Exil‘. Bei Weitem sind sie allerdings nicht die ersten deutschsprachigen Erzähltexte, die sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts diesem Thema widmen. Denn auch wenn die Ereignisse von 2015 einen bedeutenden Platz in der öffentlichen Debatte in Deutschland einnahmen, handelt es sich bei ihnen doch leider nur um einen weiteren traurigen Höhepunkt von erlebten und erlittenen Flucht-, Migrations- und Exilerfahrungen. Erneut ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist diese Problematik nicht zuletzt durch den aktuellen Krieg Russlands gegen die Ukraine und die daran gebundene Fluchtbewegung, die sich als innereuropäische Migration jedoch deutlich von 2015 unterscheidet.

  • 1 Nicht zuletzt findet die Germanistik damit Anschluss an literaturwissenschaftliche Debatten zu Exil (...)
  • 2 Vgl. Bischoff (2016); Hardtke/Kleine/Payne (2016); Palm (2017); Baltes-Löhr/Kory/Şandor (2019); Bau (...)

2Mit einer neuen Generation von Autor*innen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Flucht‑, Migrations- und Exilerfahrungen auseinandersetzen, kann auch im Bereich der germanistischen Literaturwissenschaft ein neues Interesse an dieser Thematik konstatiert werden, das mit neuen Perspektiven auf die Exilliteratur einhergeht. Die Anfänge der Exilliteraturforschung sind in Deutschland in den 1970er Jahren anzusetzen, als vermehrt Autor*innen in den Blick genommen wurden, die vor dem Nationalsozialismus geflohen waren und ihr Werk auf Deutsch im Exil fortsetzten. Derzeit beschäftigt sich dieses Forschungsfeld mit der Entstehung einer neuen, durch aktuelle geopolitische Veränderungen hervorgerufenen Exilliteratur, bei der für den deutschsprachigen Kontext scheinbar fest etablierte Begriffe Umdeutungen und Erweiterungen erfahren. Denn blieben die Arbeiten in diesem Bereich lange auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 beschränkt, öffnen sich aktuelle Untersuchungen zunehmend für neue zeitliche und geografische Räume des Exils. Davon zeugt hauptsächlich der Tagungsband Exil und Literatur (2013) von Doerte Bischoff und Susanne Komfort-Hein, die für eine Öffnung des Begriffs ‚Exilliteratur‘ hin zu neuen Exilerfahrungen plädieren und ihn gleichzeitig mit Theoriebildungen aus den Forschungsbereichen zur ‚Transkulturalität’ und ‚Transnationalität’ sowie Fragestellungen der Postcolonial Studies verknüpfen1. Der Band stellt einen zentralen Ausgangspunkt für die Studien dar, die nach 2015 im deutschsprachigen Raum erscheinen und die sich zum großen Teil in dessen Kielwasser bewegen2.

  • 3 Vgl. beispielsweise Geiser 2016, 2019, 2021; Terrones 2019, 2020, 2022. Aber auch die oben erwähnte (...)
  • 4 Vgl. Nouss, Pinnçonat und Rinner (2017); die internationale Tagung: Poétique du récit migratoire, R (...)

3In der französischen Germanistik lässt sich ebenfalls ein erhöhtes Interesse an den literarischen Verhandlungen von aktuelleren Flucht-, Migrations- und Exilerfahrungen feststellen: Seit 2010 wurden zunächst zwei Tagungsbände veröffentlicht – W. Asholt/M.-C. Hoock-Demarle/L. Koiran/K. Schubert (2010) und C. Meyer (2012) –, die beide im deutsch-französischen Kontext anzusiedeln sind. Während sich der erste Band auf das von dem Romanisten Ottmar Ette geprägte Konzept der ‚Literatur(en) ohne festen Wohnsitz‘ stützt, schlägt der zweite den Begriff ‚Germanophonie‘ vor, um mit Blick auf die deutschsprachige Literatur die neuen mit Flucht, Migration und Exil verbundenen Herausforderungen begrifflich zu fassen. Mit der Aufnahme von Emine Sevgi Özdamars Roman Die Brücke vom Goldenen Horn (1998) in das Programm der Agrégation d’allemand widmeten die Études Germaniques 2017 dem Thema einen Band (Banoun 2017), der sich hauptsächlich mit dem Werk der Autorin auseinandersetzt und sich begrifflich in die Debatte um Interkulturalität einschreibt. Daran anknüpfend erschien 2019 der von B. Banoun, F. Teinturier und D. Weissmann herausgegebene Band Istanbul–Berlin: interculturalité, histoire et écriture chez Emine Sevgi Özdamar. Neben den genannten Arbeiten von in Frankreich ansässigen Germanist*innen können darüber hinaus Untersuchungen von M. Geiser oder auch E. Terrones hervorgehoben werden3. Ohne einen spezifischen Fokus auf die deutschsprachige Literatur wird die Auseinandersetzung mit Repräsentationen von Flucht, Migration und Exil westlich des Rheins heute eher in einem breiteren Rahmen fortgeführt. Die Germanistik erscheint hier vielmehr neben einer Reihe anderssprachiger Literaturen4.

  • 5 Wurde ‚Exil‘ in der deutschsprachigen Literatur bisher mit den Exilliterat*innen während des Dritte (...)
  • 6 Als Beispiele aus der Literaturszene lassen sich hierfür u.a. die Anthologie Eure Heimat ist unser (...)

4Hauptanliegen des vorliegenden Themenheftes, das auf eine vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderte virtuelle Tagung im Mai 2021 an der École normale supérieure in Paris zurückgeht, ist es, über die Beiträge von Nachwuchswissenschaftler*innen aus Frankreich und Deutschland die Sichtbarkeit des Forschungsfeldes innerhalb der französischen Germanistik zu stärken. Dabei soll dem Exilbegriff ein besonderer Stellenwert eingeräumt werden, ermöglicht doch gerade die Öffnung des Exilliteraturbegriffes, wie dies aktuell in der deutschen Germanistik der Fall ist, die Auseinandersetzung mit Texten, die in der Forschung mitunter voreilig als ‚Migrationsliteratur‘ qualifiziert werden, neu zu denken und den Blick auf diese zu erweitern. So lässt sich, anknüpfend an Doerte Bischoff (2021), der Begriff des ‚Exils‘ und seine programmatische Verwendung noch im 21. Jahrhundert, in der Flucht und Migration im öffentlichen Diskurs wieder verstärkt als Massenphänomene konzeptualisiert werden, durch den ihm immanenten Fokus auf die menschliche Würde und Indivualität als „Geste einer Selbstvergewisserung des oder der Einzelnen“ (ebd.: 33) verstehen. In einer Zeit, in der die Erfahrung von Migration jedoch ebenso für ein neues, global vernetztes Weltbürgertum steht, lässt sich über die Beiträge der Nachwuchswissenschaftler*innen zugleich ausloten, welche Reichweite der Begriff des ‚Exils‘ heute (noch) haben kann, aber auch wo seine Grenzen liegen. Damit verbunden ist zudem die Frage, in welcher Beziehung er zu den Termini ‚Flucht‘ und ‚Migration‘ stehen kann. So erfährt nicht nur ‚Exil‘ in der aktuellen deutschsprachigen Debatte eine Umdeutung, sondern ebenso die beiden zuletzt genannten Begriffe5. In diesem Kontext, in dem Deutschland, Österreich und die Schweiz zu Einwanderungsländern von Menschen verschiedenster Herkunft geworden sind, in einer Zeit, in der die dortigen Minoritäten und/oder Menschen zweiter oder dritter Generationen auf sich und ihre Lebensrealität aufmerksam machen6, werden diese Begriffe gerade neu besetzt.

5Die Artikel der Nachwuchswissenschaftler*innen verstehen sich hierbei als Momentaufnahmen der aktuellen Forschungsarbeiten in diesem Bereich, die sowohl im deutschen als auch im französischen Wissenschaftskontext angesiedelt sind. Sie setzen sich vornehmlich mit Produktionen der letzten fünf bis zehn Jahre auseinander, um auf diese Weise literarische, aber auch filmische und theatrale Auseinandersetzungen mit der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ in der jüngsten Vergangenheit in den Blick zu nehmen. Dazu gehören immer auch Werke, die sich mit ‚anderen‘ Erfahrungen von Exil auseinandersetzen, d.h. mit Erlebnissen, die weit vor dem letzten Jahrzehnt oder in anderen geografischen Räumen anzusiedeln sind, eventuell aber mit diesen direkt oder indirekt in Resonanz treten.

6Die Kapiteleinteilung des Themenheftes spiegelt den innovativen Umgang der Beiträge mit dem Exilbegriff wider und zeugt von dessen Aktualität. Im Abschnitt „Sprache und Raum“ liegt das Hauptaugenmerk auf Raum-Diskursen, die im Zuge des spatial turn in die Exilliteraturforschung in Deutschland Einzug hielten, und deren Verflechtung mit ästhetischen Verhandlungen nationaler und kultureller Zuschreibungen, die zumeist über sprachliche Zugehörigkeiten reflektiert werden. Unter diesem Gesichtspunkt fragt Elisa Risi in ihrem Beitrag „Flüchtige Räume, Grenzen und Existenzen. Zu Exil und Transnationalität in Von der Zunahme der Zeichen“ nach den narrativen Strategien und ästhetischen Mitteln, mit denen der Debütroman von Senthuran Varatharajah Flucht- und Migrationserfahrungen sowie Momente transitorischen Daseins literarisch inszeniert. Der ephemere und virtuelle Raum des Facebook-Chats, so Risi, könne hierbei als „virtueller Transit-Ort der temporären Begegnung und flüchtigen Kommunikation“ verstanden werden. Der Chat verweise einerseits auf die beständige Überschreitung nationaler Grenzen durch die Figuren im erzählten Raum hin zu einem transnationalen Raum. Andererseits lasse er sich in Beziehung setzen zur Problematisierung von Sprache und Sprechen als einem flüchtigen Artikulationsraum durch die beiden Protagonist*innen. Der Roman unterlaufe auf diese Weise die Illusion einer möglichen Rekonstruktion ‚verlorener‘ (nationaler) Zugehörigkeiten und setze an deren Stelle das Paradigma „flüchtiger und fließender Verortung“.

7Der fließenden Vielfalt möglicher Identitäten und ihrer räumlichen Konkretisierung widmet sich auch Nadjib Sadikou anhand der Darstellung von Migration in Saša Stanišićs‘ Herkunft (2019) und Iris Wolffs Die Unschärfe der Welt (2020). Einen besonderen Fokus legt Sadikou auf den heuristischen Wert von Elementen postkolonialer Theoriebildung für die Lektüre von Texten der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur, die sich mit Exil- und Migrationserfahrungen auseinandersetzen. Unter Bezug auf u.a. Stuart Hall, James Clifford und Homi K. Bhabha zeigt er auf, wie Stanišićs und Wollf – ähnlich wie Varatharajah – in und mit ihren Texten die Zuschreibung räumlicher Zugehörigkeiten unterlaufen und migrantische ‚Identitäten‘ als fragmentiert und dissonant entwerfen. Eine wichtige Rolle spielen in den untersuchten Texten zudem intertextuelle Bezüge, die es im Sinne der ‚Interexilität‘ (Komfort-Hein) erlauben, über die Literatur einen virtuellen Raum der Konnexion zwischen verschiedenen Exilen zu konstituieren.

  • 7 In der deutschen und französischen Germanistik sind dem Thema beispielsweise die Bände Nachexil / P (...)

8Wie die Beiträge des zweiten Abschnitts des Themenheftes zeigen, ist eine Erweiterung des Exilbegriffs ebenso in jüngeren Studien zu den Konzepten ‚Postmemory‘ und ‚Post-Exil‘7 zu beobachten. Es lassen sich hierüber Erfahrungen und Phänomene greifen, die über ein ‚klassisches‘ Verständnis von Exil hinausgehen und u. a. transgenerationelle Dimensionen in den Blick nehmen. Demnach widmet sich Alice Lacoue-Labarthe in ihrem Beitrag Ronya Othmanns Debütroman Die Sommer (2020) und spürt den darin verhandelten generationenübergreifenden Exilerfahrungen nach. Ausgehend von der Hauptfigur Leyla, die, so Lacoue-Labarthe, als „fiktive Vertreterin der Generation Postmemory“ gelte, zeichnet der Beitrag die Verflechtungen innerhalb der vom Exil geprägten Familiengeschichte nach und legt ein Erinnerungserbe offen, das sich über drei Generationen hinweg erstreckt. Im Sinne des Konzeptes Postmemory lasse sich der Roman somit auch als fiktive Aufarbeitung eines postmemorialen Traumas lesen. Ferner zeigt der Beitrag, wie der Roman mittels einer mehrstimmigen Erzählstruktur und spezifischer ästhetischer Mittel einen Raum für alternative Narrative über die kurdisch-jesidische Minderheit schafft. Die Hauptfigur werde dabei zur Trägerin einer mündlich tradierten Erinnerungskultur, die im Gegensatz zu der in Deutschland vorherrschenden und im Roman verarbeiteten Berichterstattung über den Krieg in Syrien und die sogenannte ‚Flüchtlingskrise‘ stehe. Schließlich wird im Beitrag verdeutlicht, inwieweit sich der Roman Die Sommer in eine durch die Shoah geprägte Erinnerungskultur einschreibt.

9Eine generationenübergreifende Dimension des Exils spielt auch in Theresa Wagners Beitrag „Vers un cosmopolitisme politique. Figurations du post-exil chez Olga Grjasnowa“ eine Rolle und wird darin unter dem Konzept ‚Post-Exil‘ beleuchtet. So untersucht Wagner anhand ausgewählter Essays und Artikel von Olga Grjasnowa, wie die Autorin transgenerationelle Bezüge zu den Exilerfahrungen ihrer Vorfahren herstellt. Das „post-exilische Bewusstsein“ (conscience post-exilique, Nuselovici) spiegle sich dabei nicht nur in der Erinnerung an das Exil der vorangegangenen Generationen wider, sondern auch in dessen Bedeutungszuweisung für die nachkommende Generation. Anschließend geht der Beitrag auf eine weitere Dimension des Post-Exils ein, die laut Nuselovici aus der Übereinstimmung zwischen einem realen „Exilzustand“ (condition exilique) und einem „Exilbewusstsein“ (conscience de l’exil) hervorgeht. Bei Grjasnowa manifestiere sich das Exilbewusstsein über den eigenen Schreibprozess, indem sie in politischen Essays und Artikeln ihre Exilerfahrung und Nicht-Zugehörigkeit reflektiert. Abschließend zeigt Wagner, inwiefern Grjasnowa anhand ihrer Reflexionen ein neues Verständnis von Post-Exil entwirft, das über die negativen Exilerfahrungen hinausgeht. So mache sich die Autorin ihre persönliche, durch das Exil bedingte Mehrsprachigkeit zu eigen, um eine multikulturelle, diverse und, im Sinne Martha Nussbaums, kosmopolitische Gesellschaft zu entwerfen.

10Die mediale Öffnung hin zu Theater- und Filmproduktionen im dritten Abschnitt des Themenheftes ermöglicht eine Erweiterung des Blicks und einen methodischen Austausch über verschiedene Möglichkeiten der medialen Verhandlungen von Exil. So schlägt Marie Birken in ihrem Beitrag „Mettre en scène la crise migratoire“ eine kontrastive Analyse der beiden frühesten Inszenierungen des Stücks Die Schutzbefohlenen (2013) von Elfriede Jelinek durch Nicolas Stemann (2014) und Michael Thalheimer (2015) vor. Verweise dabei der intertextuelle Dialog zwischen Jelineks Stück und der gleichnamigen antiken Urfassung von Aischylos einerseits auf zeitliche und räumliche Invarianten bei der Auseinandersetzung mit Exil, lade die österreichische Autorin doch andererseits mit ihrem ohne jegliche Regieanweisung verfassten Text dazu ein, Exil und Exilerfahrung immer wieder neu auf der Bühne zu verhandeln. Wie Birken in ihrem Beitrag herausarbeiten kann, werden diese Leerstellen von beiden Regisseuren auf solch eigene Weise genutzt, dass nicht nur der Begriff des Exils als ein semantischer Raum ganz verschieden in Szene gesetzt wird, sondern auch dem einsamen Chor der Schutzbefohlenen unterschiedliche Rollen zuteil werden. Dies wiederum bleibe nicht ohne Auswirkung auf die ästhetische Gemeinschaft des Theaterpublikums, das sich durch das Bühnengeschehen, gleich den Figuren, in verschiedene Rollen gesetzt sieht. Die Inszenierungen von Stemann und Thalheimer können solcherart als Beispiel dafür stehen, wie im Theaterraum Exil als soziales und kollektives Phänomen erfahrbar gemacht werden kann.

11Dass dies im Medium Film nicht unbedingt der Fall sein muss, sondern hier Exil bewusst auch eine „individuelle“, ja „subjektive“ Dimension erhalten kann, zeigt Maël Mubalegh in seinem Beitrag „L’expérience de l’exil dans Western (2017) et Transit (2018). Entre passé intempestif et présent suspendu“. Weder im modernen Western von Valeska Grisebach noch in der zeitgenössischen Adaption von Anna Seghers Roman durch Christian Petzold spielen Fluchtbewegungen der Vergangenheit eine unmittelbare Rolle. Dennoch werde in beiden Filmen mit einer Vielzahl an paradigmatischen Elementen gespielt, die kollektiv mit der Erfahrung von Flucht und dem „Herausgerissenwerden“ aus dem eigenen Land assoziierbar sind, und hier in Form von neu formulierten und neu aktualisierten Erzähldiskursen über die einzelnen Figuren in Szene gesetzt werden. Mittels einer Zusammenschau beider Werke diskutiert Mubalegh nicht nur die Bedeutung eines Exilbegriffs, der von zwei scheinbar völlig verschiedenen kinematographischen Diskursen getragen wird, sondern er lenkt den Blick auch immer wieder auf den Begriff des Exils selbst und die Grenzen eines semantisch so reichen und so vielfältig verwendeten Konzepts.

12Die letzten beiden Beiträge des Themenheftes zeigen schließlich auch ‚Gegenbewegungen’ im Sinne einer erneuten Abkehr vom Ort des Exils auf, wobei der Exilbegriff an Bedeutung verliert und Remigrationserzählungen in den Vordergrund rücken. So stellt Hannes Höfer in seinem Beitrag Romane vor, deren Hauptfiguren Deutschland zeitweilig oder für immer verlassen. In Anlehnung an die Bezeichnung ‚Literaturen ohne festen Wohnsitz‘ (O. Ette; W. Asholt u. a.) könne man die Texte somit als „literarische Suche nach einem festen Wohnsitz“ bezeichnen. In einem essayistischen Stil zeichnet der Beitrag die unterschiedlich verhandelten Remigrationen nach und identifiziert hierfür unterschiedliche Gründe. Der Exilbegriff, wenn er auch nur am Rande Erwähnung findet, wird dabei als Synonym für das Verlassen von Deutschland verwendet. Die Romane Bauch der Königin (2020) von Karosh Taha und Die Ungehaltenen (2014) von Deniz Utlu vermitteln beide, so Höfer, eine besondere Wut auf die deutsche Gesellschaft, werden doch die Hauptfiguren über die Zuschreibung von Migrationsidentitäten dazu gezwungen, eine Position des ‚Dazwischen‘ an- und einzunehmen, die sie jedoch ablehnen. Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) und Sasha Marianna Salzmanns Außer sich (2017) seien hingegen vielmehr lesbar als Reaktion auf ein allzu emphatisches Verständnis eines produktiven ‚Dazwischen‘. Den Romanen Der Sommer (2020) von Ronya Othmann und Ellbogen von Fatma Aydemir (2017) sei schließlich die Forderung nach Eindeutigkeit gemein. Kurzum, der Beitrag liest die vorgestellten Romane solcherart nicht nur als literarische Kommentare auf deutsche Migrationsdebatten, sondern ebenso als kritische Reaktionen auf die literaturwissenschaftliche Diskussion und Theoriebildung.

13Einer besonderen Art der ‚Remigration‘ geht Anna Kostner in ihrem abschließenden Beitrag „Das Südtirol-Syndrom“ nach, in dem sie aufzeigt, inwiefern die Inszenierung von Rückkehrbewegungen eine grundlegende Konstante der südtiroler Literatur bildet. Historisch sei dies auf die Erfahrung von Exil und Remigration im Kontext der ‚Option‘ zurückzuführen, d.h. der 1939 durch das Abkommen zwischen Hitler und Mussolini erzwungenen Entscheidung der südtiroler Bevölkerung, sich italianisieren zu lassen oder die ‚Heimat‘ zu verlassen und Deutsch zu bleiben. Durch einen fruchtbaren Dialog zwischen Joseph Zauderers autobiographischer Erzählung Wir gingen (2004), in welcher der Autor auf die historischen Ereignisse als Teil seiner Familiengeschichte zurückkommt, und Gerd Sulzenbachers Textsammlung Sankt Nichtsnutz. Apokryphen (2020), die sich mit den Themen des Weggehens und Wiederkommens der jüngeren Generation befasst, kann Kostner die Problematisierung der „Uneinholbarkeit der Heimat“ nach der Erfahrung des Exils offenlegen. Dabei zeigt der Beitrag zugleich die Grenzen der Dehnbarkeit des ‚Exil‘-Begriffs auf.

14Für die vielfältigen Perspektiven, die das vorliegende Themenheft damit auf verschiedene Schreibweisen und Vertextungsformen von ‚Exil, Migration und Flucht’ erlaubt, möchten wir uns in erster Linie bei den Nachwuchswissenschaftler*innen bedanken. Mit ihren Beiträgen haben sie unseren Themenvorschlag nicht nur mannigfach aufzufächern gewusst, sondern durch ihre Diskussionsbereitschaft auch die diesem Heft vorausgehende virtuelle Tagung geradezu ‚präsentisch’ werden lassen. Ebenso möchten wir an dieser Stelle dem wissenschaftlichen Beirat, bestehend aus Prof. Dr. Doerte Bischoff (Hamburg), Prof. Dr. Nicole Colin (Aix-Marseille), Dr. Mandana Covindassamy (ENS Paris), Dr. habil. Christine Meyer (Amiens) und Dr. habil. Emmanuelle Terrones (Tours) unseren herzlichen Dank aussprechen. Sie haben uns nicht nur im Vorfeld und während der Tagung mit wertvollen Hilfestellungen zur Seite gestanden, sondern auch die hier versammelten Beiträge mit ihrer wissenschaftlichen Expertise betreut. Ohne die finanzielle Unterstützung des DAAD für die Organisation einer Nachwuchstagung und des Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne (CIERA) für die Lesung mit dem Autor Senthuran Varatharajah und der Autorin und Übersetzerin Marina Skalova wäre dieser deutsch-französische Dialog nicht zustande gekommen. Dies ist in Zeiten finanzieller Kürzungen bei solch wichtigen Organisationen des internationalen Austauschs umso stärker zu betonen. Nicht zuletzt gilt unser Dank dem Redaktionskomitee von Trajectoires, die als Zeitschrift der deutsch-französischen Nachwuchsforschung die ideale Plattform zur Veröffentlichung der Beiträge darstellt, für die Annahme unseres Themenheftes, und allen voran Dr. Lucia Aschauer für die reibungslose Zusammenarbeit. Den folgenden Beiträgen vorangestellt seien aber zunächst ganz im Sinne des Dialogs Auszüge aus der Übertragung ins Französische von Senthuran Varatharajahs Vor der Zunahme der Zeichen durch Marina Skalova – eine Übersetzung, die noch keinen französischen Verleger gefunden hat und damit in Trajectoires einem frankophonen Publikum erstmalig zugänglich gemacht wird. In dem darauffolgenden Interview geht sie auf die enge Verflechtung zwischen Literatur, Übersetzung und ihrer eigenen Exilerfahrung ein. Solcherart sollen im vorliegenden Themenheft neben der literaturwissenschaftlichen Debatte auch die Stimmen der Autor*innen selbst hör- und lesbar werden.

Haut de page

Bibliographie

Asholt, Wolfgang, u. a. (Hg.) (2010): Littérature(s) sans domicile fixe – Literatur(en) ohne festen Wohnsitz, Tübingen.

Aumüller, Matthias und Weertje Willms (Hg.) (2020): Migration und Gegenwartsliteratur: Der Beitrag von Autorinnen und Autoren osteuropäischer Herkunft zur literarischen Kultur im deutschsprachigen Raum, München.

Aydemir, Fatma und Hengameh Yaghoobifarah (Hg.) (2019): Eure Heimat ist unser Albtraum, Berlin.

Baltes-Löhr, Christel, Beate Petra Kory und Gabriela Şandor (Hg.) (2019): Auswanderung und Identität. Erfahrungen von Exil, Flucht und Migration in der deutschsprachigen Literatur, Bielefeld.

Bannasch, Bettina und Katja Sarkowsky (Hg.) (2020): Nachexil / Post-Exil, Berlin und Boston.

Banoun, Bernard (Hg.) (2017): La littérature interculturelle de langue allemande: Emine Sevgi Özdamar, Études Germaniques, 2017/3, Nr. 287.

Banoun, Bernard, Frédéric Teinturier und Dirk Weissmann (Hg.) (2019): Istanbul–Berlin: interculturalité, histoire et écriture chez Emine Sevgi Özdamar, Paris.

Bauer, Matthias, Martin Nies und Ivo Theele (Hg.) (2019): Grenz-Übergänge: Zur ästhetischen Darstellung von Flucht und Exil in Literatur und Film, Bielefeld.

Bischoff, Doerte und Susanne Komfort-Hein (Hg.) (2013): Literatur und Exil: Neue Perspektiven, Berlin/Boston.

Bischoff, Doerte (Hg.) (2016): Exil – Literatur – Judentum, München.

Bischoff, Doerte (2021): Flucht und Exil in der Gegenwartsliteratur: Begriffsverhandlungen, vernetzte Geschichten, globale Perspektiven, in: Friederike Eigler (Hg): Flucht – Exil – Migration, Gegenwartsliteratur. A German Studies Yearbook, 2021/20, S. 29–51.

Czollek, Max (2018): Desintegriert euch!, München.

Dickow, Sonja (2019): Konfigurationen des (Zu-)Hauses: Diaspora-Narrative und Transnationalität in jüdischen Literaturen der Gegenwart, Berlin.

Ette, Ottmar (2005): ZwischenWeltenSchreiben: Literaturen ohne festen Wohnsitz, Berlin.

Geiser, Myriam (2015): Der Ort transkultureller Literatur in Deutschland und in Frankreich: Deutsch-türkische und frankomaghrebinische Literatur der Postmigration, Würzburg.

Geiser, Myriam (2016): Se souvenir, inventer et jouer: Une narratologie transculturelle dans les récits de Zafer Şenocak, in: Christiane Solte-Gresser und Manfred Schmeling (Hg.): Theorie erzählen / Raconter la théorie / Narrating Theory: Fiktionalisierte Literaturtheorie im Roman, Würzburg, S. 105–116.

Geiser, Myriam (2019): Berlin comme carrefour d’histoire(s) et d’identités dans les récits d’écrivains germano-turcs, in: Hommes & Migrations, 1327, S. 52–61.

Geiser, Myriam (2021): Ilija Trojanow - Weltensammler und Kulturmittler: Eine transkulturelle Perspektive für Europa, in: Herta-Luise Ott, Natacha Rimasson-Fertin und Thomas Nicklas (Hg.): Faire l'Europe par la culture / Europäisierung durch Kultur. Liber Amicorum François Genton, Reims, S. 321–348.

Gvelesiani, Anna und Christine Meyer (Hg.) (2023): Postmemory und die Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur, Berlin/Boston [im Erscheinen].

Hardtke, Thomas, Johannes Kleine und Charlton Payne (2016) (Hg.): Niemandsbuchten und Schutzbefohlene. Flucht-Räume und Flüchtlingsfiguren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Göttingen.

Hirsch, Marianne (1997): Family Frames. Photography, Narrative and Postmemory. Cambridge/Mass..

Hirsch, Marianne (2012): The Generation of Postmemory. Writing and Visual Culture After the Holocaust, New York.

Meyer, Christine (Hg.) (2012): Kosmopolitische ‚Germanophonie‘: Postnationale Perspektiven in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Würzburg.

Nouss, Alexis, Chrystel Pinnçonat und Fridrun Rinner (Hg.) (2017): Littératures migrantes et traduction, Aix-en-Provence.

Palm, Christian (2017): Exil und Identitätskonstruktion in deutschsprachiger Literatur exilierter Autoren: Das Beispiel SAID und Rapithwin, Heidelberg.

Terrones, Emmanuelle (2019): Flüchtlingsromane, une nouvelle catégorie littéraire, Exil et Migrations [online], letzter Zugriff am 17.02.2023. URL: https://migrexil.hypotheses.org/250

Terrones, Emmanuelle (2020): Zeitgenossenschaft als Pluralität: Wenn sich Flüchtlinge einmischen, in: Yearbook of the German Studies Association of Ireland, 2020/15, S. 199–208.

Terrones, Emmanuelle (2022): Zum Aufbau einer ‚gemeinsamen Welt’ in Romanen über Flüchtlinge, in: Monika Wolting (Hg.): Utopische und dystopische Weltentwürfe, Göttingen, S. 215–228.

Haut de page

Notes

1 Nicht zuletzt findet die Germanistik damit Anschluss an literaturwissenschaftliche Debatten zu Exil und Migration, wie sie in der Anglistik/Amerikanistik und der Romanistik geführt werden.

2 Vgl. Bischoff (2016); Hardtke/Kleine/Payne (2016); Palm (2017); Baltes-Löhr/Kory/Şandor (2019); Bauer/Nies/Theele (2019); Dickow (2019); Bannasch/Sarkowsky (2020); Aumüller/Willms (2020).

3 Vgl. beispielsweise Geiser 2016, 2019, 2021; Terrones 2019, 2020, 2022. Aber auch die oben erwähnten Autor*innen haben sich freilich über die genannten Sammelbände hinaus dem Thema gewidmet.

4 Vgl. Nouss, Pinnçonat und Rinner (2017); die internationale Tagung: Poétique du récit migratoire, Rennes, Oktober 2018, sowie die internationale Tagung: Être(s) clandestins. Dijon, Oktober 2018.

5 Wurde ‚Exil‘ in der deutschsprachigen Literatur bisher mit den Exilliterat*innen während des Dritten Reiches assoziiert, so war der Begriff ‚Flucht‘ bis 2015 allgemein noch stark mit der Flucht aus Nazideutschland und den Flüchtigen aus den ehemaligen Ostgebieten verbunden. ‚Migration‘ wiederum ist ein Terminus, der eher im Kontext der ‚Gastarbeiter‘ Verwendung fand.

6 Als Beispiele aus der Literaturszene lassen sich hierfür u.a. die Anthologie Eure Heimat ist unser Albtraum (Aydemir und Yaghoobifarah, 2019) und der Essay Desintegriert euch! (Czollek, 2018) anführen.

7 In der deutschen und französischen Germanistik sind dem Thema beispielsweise die Bände Nachexil / Post-Exil (Bannasch/Sarkowsky, 2020) und Postmemory und die Erweiterung der deutschen Erinnerungskultur (Gvelesiani und Meyer, im Erscheinen) gewidmet. Geprägt wurde der Begriff ‘postmemory in den 1990er Jahren von der u.s.-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Marianne Hirsch (1997, 2012).

Haut de page

Pour citer cet article

Référence électronique

Verena Richter, Thomas Sähn et Theresa Wagner, « Exilliteratur(en) – deutsch-französische Blickwechsel »Trajectoires [En ligne], 16 | 2023, mis en ligne le 23 mars 2023, consulté le 24 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/trajectoires/8869 ; DOI : https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.4000/trajectoires.8869

Haut de page

Auteurs

Verena Richter

Docteure en Littérature française, assistante universitaire (postdoc) en Littératures française et hispanophone, Universität Graz

Articles du même auteur

Thomas Sähn

Docteur en Linguistique, Maître de conférences en Linguistique allemande, Sorbonne Université

Articles du même auteur

Theresa Wagner

Doctorante en Études germaniques à Aix-Marseille Université et à l’Université de Tübingen, Lectrice d’allemand (DAAD) à l’École normale supérieure de Paris

Articles du même auteur

Haut de page

Droits d’auteur

CC-BY-NC-SA-4.0

Le texte seul est utilisable sous licence CC BY-NC-SA 4.0. Les autres éléments (illustrations, fichiers annexes importés) sont « Tous droits réservés », sauf mention contraire.

Haut de page
Rechercher dans OpenEdition Search

Vous allez être redirigé vers OpenEdition Search