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Recensions

Alexandre Kostka & Christiane Weber, Fritz Beblo. Un architecte à Strasbourg, 1903–1918. Réinventer la tradition

Christian Freigang
p. 130-132
Référence(s) :

Alexandre Kostka & Christiane Weber, Fritz Beblo. Un architecte à Strasbourg, 1903–1918. Réinventer la tradition, Straßburg : Bibliothèque nationale et universitaire éditions, 2022, 144 Seiten

Notes de la rédaction

https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.57732/rc.2023.1.102676

Texte intégral

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Crédits : BNU Strasbourg éditions
  • 1 Tobias Möllmer (Hg.), Straßburg. Ort des kulturellen Austauschs zwischen Frankreich und Deutschland (...)
  • 2 Dominique Cassaz und Sophie Eberhardt (Hg.), Strasbourg. De la Grande-Île à la Neustadt. Un patrimo (...)

1Seit einiger Zeit rücken architekturhistorische Forschungen zumal im Bereich der klassischen Moderne Fragen von Konvention, Normalität und Mainstream in den Vordergrund, um Abstand von prominenten Starfiguren und Avantgardediskursen zu gewinnen, die zeitgenössisch keineswegs immer als repräsentativ gelten können. Vor allem offiziell von Kommunen mandatierte ArchitektInnen sind hier von Interesse, wie zum Beispiel Fritz Schumacher oder Ludwig Hoffmann. Zu diesen gehörte auch Fritz Beblo (geb. 1872, gest. 1947), der von 1903 bis 1919 als kommunaler Architekt der seit 1871 unter deutscher Hoheit stehenden Stadt Straßburg agierte und ihre damalige Erweiterung durch viele charakteristische öffentliche Bauten prägte. Die Architektenfigur ist im Speziellen als Beitrag zur aktuellen Erforschung von »Grenzstädten« des wilhelminischen Kaiserreichs (neben Straßburg insbesondere auch Metz und Poznań/Posen) zu verstehen, die sich allerdings vielfach mit den kaiserlichen Monumentalbauten und Stadterweiterungen (u. a. Kaiserschloss in Posen, Bahnhofsviertel in Metz, Neustadt mit Universität in Straßburg) befasst und dabei die Aushandlung von nationalen Diskursen im Bezug auf Städtebau und Architektur untersucht. Im Rahmen des in diesem Zusammenhang zu nennenden deutsch-französischen Forschungsprojekts »Engineering Nationality«, an dem die beiden AutorInnen maßgeblich beteiligt sind (wie auch Rez. als wiss. Beiratsmitglied), sowie bestärkt durch die Aufnahme der Straßburger Neustadt in das UNESCO-Kulturerbe im Jahr 2017, wurde nun der bislang völlig vergessene Beblo im Rahmen einer Ausstellung in Straßburg im Herbst/Winter 2022/23 einem größeren Publikum bekannt gemacht und zugleich mit der Publikation gewürdigt, über die hier zu berichten ist. Damit ergänzt das Buch die monumentale Darstellung Straßburg. Ort des kulturellen Austauschs zwischen Frankreich und Deutschland. Architektur und Stadtplanung von 1830 bis 1940/Strasbourg. Lieu d’échanges culturels entre France et Allemagne. Architecture et urbanisme de 1830 à 19401 sowie die städtebauliche Studie Strasbourg. De la Grande-Île à la Neustadt. Un patrimoine urbain exceptionel2 mit einer Architektenmonographie.

2Es handelt sich bei dem reich illustrierten Buch um eine gut verständliche biographische – verständlicherweise auf die Straßburger Zeit Beblos fokussierende – Darstellung, die dank vieler neu entdeckter Materialien aber zudem das Lebensmodell und die Architekturauffassung kontextualisiert, ohne hierbei aber zugespitzte Thesen oder bestimmte politische Involvierungen mancher Protagonisten zu verfolgen. Der in Breslau in einer musischen Familie aufgewachsene Architekt tat sich früh als talentierter Zeichner und Maler hervor, pflegte freundschaftliche Kontakte mit dem früh verstorbenen Dichter Christian Morgenstern und dem Schauspieler Friedrich Kayssler (der später in Hitlers »Gottbegnadetenliste« aufgenommen wurde), kam nach einem Architekturstudium in Berlin und Karlsruhe über den charismatischen ›Neugotiker‹ Carl Schäfer sowie protektionistische Förderung 1903 als Stadtbauinspektor in die Dienste der Stadt Straßburg und stieg 1908 zum Stadtbaurat auf. Nach seiner Ausweisung 1919 wirkte er als Stadtbaurat von München, errichtete hier zusammen mit Hermann Leitenstorfer 1929 das Technische Rathaus als bemerkenswerte historisierende Hochausarchitektur, wurde aber von höchster Stelle 1936 entlassen, weil er sich dem Plan einer Autobahndurchkreuzung des Nymphenburger Parks widersetzte.

3In Straßburg selbst war er für bezeichnende kommunale Aufgaben in den Stadterweiterungen zuständig: mehrere große Schulgebäude (Schulen von Musau und Neufeld, Schule Saint-Thomas) und das monumentale, den Maßgaben von Hygiene und Volksgesundheit folgende städtische Schwimmbad in neubarocken Formen sowie den großen Straßendurchbruch zwischen Bahnhof und Place Kléber (Grande percée). Beblo war ein klarer Adept des Heimatschutzes, was innerhalb der allfälligen deutsch-französischen Diskurse und Konflikte um national konnotierte Historismen von Bedeutung ist. Denn das von Beblo zumeist verfolgte Ideal einer modernisierten regionalen Tradition sollte sich, wie auch bei anderen Zeitgenossen (Paul Mebes), als probates Mittel erweisen, historistische Übersemantisierung ebenso wie die Inszenierung individueller Innovation im Art nouveau/Jugendstil außer Kraft zu setzen. Ein zurückhaltendes und schlichtes Idiom, das subtil lokale Elemente aufnahm und sich städtebaulich durchaus harmonisch einfügen ließ, konnte als elsässisch oder (ober)rheinisch markiert werden. Diese Strategie ermöglichte es, eine regionale Identität zu stiften, die nationale Konflikte überspielte; sie wurde indessen – so wäre hinzufügen – etwa bei dem mit Beblo befreundeten Architekten Paul Schmitthenner um 1930 als prononcierte Modernekritik formuliert und zum Grundsatz einer angeblich deutschen Architektur erhoben. Dem in diesen Zusammenhängen (als Reverenz an Adalbert Stifter) evozierten »sanften Gesetz« folgte Beblo im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen auch im Privaten, denn der zurückgezogen lebende Architekt schuf sich in seinem schlichten Haus in der dörflichen Peripherie Straßburgs ein dezidiert privates Refugium für das musisch geprägte Familienleben, nicht aber eine programmatische Künstlervilla. Bezeichnend für diese Häuslichkeit sind einige Konflikte mit dem öffentlich sehr präsenten, jovialen und perfekt frankophonen Münsterarchitekten Johann Knauth.

4Viele der Bauten Beblos sind bis heute gut erhalten, das weiterhin genutzte und geschätzte Schwimmbad ist kürzlich umfassend restauriert worden. Die faktische Bewährung dieser Architekturen, aber auch die behutsame ideologische Verortung in einer ›neu erfundenen‹ elsässischen Tradition – so das im Buchtitel erscheinende, dezent kritische Stichwort der Autor·innen – trug dazu bei, dass einer der Söhne Beblos, Richard (1905–1993), 1940 als Stadtbaurat in Straßburg eingesetzt wurde und bis 1944 in diesem Amt blieb. Die anstehende monumentale Umplanung zur Gauhauptstadt unterblieb allerdings.

5Das im Buch vorgestellte neue Material wie persönliche Fotos, Aquarelle, Briefe und Buchumschläge verdankt sich auch der Öffnung von privaten Nachlassarchiven und fügt sich insgesamt zur Biographie eines wohl nicht untypischen Vertreters einer »konservativen Bohème«, sympathisch zurückhaltend im persönlichen Auftreten, künstlerisch sensibel, politisch von gängigen deutschen nationalen Strömungen getragen. Französisch hat Beblo wohl kaum gesprochen, und auch ins übrige Frankreich scheint er nicht gereist zu sein.

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Note de fin

1 Tobias Möllmer (Hg.), Straßburg. Ort des kulturellen Austauschs zwischen Frankreich und Deutschland. Architektur und Stadtplanung von 1830 bis 1940 / Strasbourg. Lieu d’échanges culturels entre France et Allemagne. Architecture et urbanisme de 1830 à 1940, Berlin: Deutscher Kunstverlag, 2018.

2 Dominique Cassaz und Sophie Eberhardt (Hg.), Strasbourg. De la Grande-Île à la Neustadt. Un patrimoine urbain exceptionnel, Lyon: Lieux Dits, 2013.

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Pour citer cet article

Référence papier

Christian Freigang, « Alexandre Kostka & Christiane Weber, Fritz Beblo. Un architecte à Strasbourg, 1903–1918. Réinventer la tradition »Regards croisés, 13 | 2023, 130-132.

Référence électronique

Christian Freigang, « Alexandre Kostka & Christiane Weber, Fritz Beblo. Un architecte à Strasbourg, 1903–1918. Réinventer la tradition »Regards croisés [En ligne], 13 | 2023, mis en ligne le 03 mars 2024, consulté le 25 mai 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/regardscroises/844

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