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Recensions

Marion Lagrange (Hg.), Université & Histoire de l’Art. Objets de mémoire (1870–1970)

Anna-Lena Brunecker
p. 123-125
Référence(s) :

Marion Lagrange (Hg.), Université & Histoire de l’Art. Objets de mémoire (1870–1970), Rennes : Presses Universitaires de Rennes, 2017, 280 Seiten

Notes de la rédaction

https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.57732/rc.2023.1.102674

Texte intégral

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Crédits : Presses Universitaires de Rennes
  • 1 Pierre Nora (Hg.), Les lieux de mémoire, Paris: Gallimard, 1984–1992.

1Bildungsgut als Kulturerbe? In dem Sammelband Université & Histoire de l’Art. Objets de mémoire (1870–1970), dessen Titel an den Begriff des Historikers Pierre Nora, Lieu de mémoire, erinnert,1 untersuchen die 19 Autoren anhand von Fallstudien die Geschichte von Universitätsarchitektur und Lehrsammlungen, die von der Forschung gerade entdeckt werden, und arbeiten an der Neubewertung ihrer kulturellen Signifikanz.

2Die multidisziplinären Beiträge konzentrieren sich besonders auf die Repräsentation und Kommunikation der Universitäten durch ihre Architektur, ihr Bildprogramm und deren Geschichte sowie auf die Nutzung und die Erhaltung von Lehrsammlungen, insbesondere der Abgusssammlungen antiker Statuen und historischer Fotografien. Die auf das Ende des 19. Jahrhunderts sowie die Umbauphasen des 20. Jahrhunderts fokussierten, sehr dicht argumentierenden Aufsätze sind in vier Bereiche aufgegliedert.

3Den Auftakt bildet Jean-Yves Marcs Artikel über das Kunstarchäologische Institut der Universität Straßburg, die Sammlungsgründung unter preußischer Annexion und deren Vorbildfunktion für spätere Universitätssammlungen und Lehranstalten in Frankreich. Es folgen Laurence Chevalliers Blick auf die Konstruktion und Repräsentation des Bildungswesens am Beispiel der Universität Bordeaux Montaigne, mit einer Analyse der Architektur anhand von Bauplänen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und Adriana Sotropas Beitrag zum Allegorie-Programm der Fassade. In den 1950er und 1960er Jahren wurden Umbauten nötig, um die Universität zu vergrößern, thematisiert im anschließenden Text von Gilles Ragot. Alle Beiträge zeigen, wie die Repräsentation der Universität die Wissenschaftsauffassung der Zeit widerspiegelt und so die Patrimonialisation rechtfertigt.

4Im zweiten Teil des Buches werden die Geschichte und die Schwerpunkte der Sammlungen selbst – wiederum vor allem am Beispiel Bordeaux – analysiert. Zunächst wird der historische Rahmen für Abgusssammlungen von Soline Morinière im Kontext der Universitätsreformen am Ende des 19. Jahrhunderts beleuchtet, nicht ohne die innovative Nutzung der Lehrsammlungen zu beleuchten. Die Objekte, die als imaginäres Museum die Möglichkeit boten, in der Kopie Werke unterschiedlichster Provenienz zu vergleichen, wurden dann durch die universitären Fotografie-Sammlungen erweitert, deren Bestände eine Weitung des Blicks auf benachbarte Disziplinen ermöglichten. Hélène Bocards Beitrag führt in die Verwendung von Fotografien in europäischen Institutionen wie Museen und Universitäten ein, und Florent Miane verhandelt die Forschungsarbeiten zur Aufarbeitung der Fonds photographiques der Universität Bordeaux. Judith Sorias Beitrag über die Sammlungen von byzantinischer Kunst und der Beitrag von Audrenn Asselineau und Alain Duplouy über die Sammlung der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne zu griechischen Antiken belegen die thematische und lokale Vielgestalt in der Fülle von Universitätssammlungen. Die Beschäftigung mit diesen Sammlungen übersteigt also bei weitem ein rein historiografisches Interesse an den einzelnen Sammlungen und liefert eine Problemgeschichte der Genese der mit diesen Fonds operierenden Fachdisziplinen.

5Der dritte Teil vorliegender Publikation behandelt vor allem die Nutzung von Abbildungen in der Lehre, insbesondere anhand von Projektionen und Fotoabzügen sowie deren Auswirkungen auf Methoden und Selbstverständnis der Disziplinen. Marion Lagrange beschäftigt sich mit der Nutzung der Projektion in der Lehre von Pierre Paris und dessen damit zutage tretenden Blick auf die iberische Kunst.2 Der faszinierende Artikel von Denise Borlée und Hervé Doucet zeigt auf, wie die Fotografien-Sammlung der Universität Straßburg die historisch-politischen Kontexte ̶ etwa die deutsch-französischen Konkurrenzen anhand von Darstellungen gotischer Kunst oder die Propaganda im Nationalsozialismus anhand ephemerer Bauten ̶ widerspiegeln und so erforschbar machen. Allʼ diese Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte zeigen, wie notwendig und erkenntniserweiternd der Erhalt und die Beforschung der Universitätssammlungen ist.

6Der mit sechs Beiträgen umfangreichste vierte Teil untersucht vor allem die Aspekte heutiger Nutzung und der Patrimonialisation, am Beispiel der Universität Bordeaux, welche 2016 von der Commission régionale du patrimoine et de l’architecture (CRPA) als Patrimoine anerkannt wurde. Ferner geht Jean-François Pinchon auf das Beispiel der Universität Paul-Valéry Montpellier 3 ein, welcher 2011 der Status Patrimoine du XXe siècle zugesprochen wurde. Die unmittelbaren Auswirkungen dieser Neubewertungen treten im Artikel von Rosa Plana Mallart zur Renovierung und Restaurierung der Abguss-Sammlung der Universität ebenso plastisch hervor wie mit der praktischen Nutzung in der Lehre, thematisiert in Audrey Duberneys Beitrag zur Daktyliothek der Universität Bordeaux: Mit Studierenden werden Ausstellungen auf Grundlage der Objektbestände der Sammlung konzipiert. Der Beitrag von Asselineau über die rechtlich problematische Grauzone, in der sich Sammlungsobjekte bewegen können, zeigt auf, welche bislang ignorierten Fragestellungen sich für das Sammlungsmanagement, aber auch für die Provenienzforschung stellen.

  • 3 Eine gesamt-französische Perspektive auf Abguss-Sammlungen wird derzeit von Soline Morinière bearbe (...)

7Tatsächlich liefert der Sammelband einen gelungenen, kaleidoskopartigen Blick auf die Erforschung der universitären Repräsentationsformen und ihrer Sammlungen, die mit ihrer Neubewertung die Notwendigkeit der Patrimonialisation augenfällig machen. Die Aufrufe zu einer Aufarbeitung weiterer Sammlungen, ihrer Digitalisierung aber auch der internationalen Vernetzung der Forschungsergebnisse sowie die kritische Auseinandersetzung in den Beiträgen dieses Bandes können als Point de départ für weitere Forschungsprojekte eine fundierte Basis bieten. Der Gliederung des Sammelbandes in viele, prinzipiell gut konzipierte Kapitel stehen die Einzelbeiträge mit ihren konkreten und spezialistischen Analysen bisweilen entgegen. Deren Argumentationen hätten sich zum Teil in mehreren Kapiteln einfügen lassen. Die von der Herausgeberin selbst kritisierte, betont nationale Perspektive, wird nur mit dem historischen Überblick und dem Beitrag Bocards gebrochen. Für einen Band, der sich in seiner Anlage als Fallstudie versteht, mag das freilich nachzusehen sein. Für die Zukunft wünschenswert wäre eine komparative internationale Perspektive, welche die Netzwerke der hier und da zusammengetragenen Objekte sowie dasjenige der Universitäten selbst verknüpft.3

  • 4 Ein aktuelles, bedauerliches Beispiel hierfür ist das Ende der Leihgabe der Wallmoden-Sammlung an d (...)
  • 5 Vgl. Antoinette Maget Dominicé, Claudius Stein und Niklas Wolf (Hg.): Lehr- und Schausammlungen im (...)

8Universitätssammlungen, die per se zwischen bewahrender Funktion und vermittelnder Nutzung in der aktuellen Lehre stehen, unterliegen zudem den ökonomischen Zwängen der Universität. Dass diese geschützt und wissenschaftlich erschlossen werden müssen, führt der vorliegende Band mit vielen Argumenten vor Augen.4 Dabei hat eine Patrimonialisation nicht nur zu gewährleisten, die Objekte als Spuren der Wissenschaftsgeschichte zu konservieren, sondern auch die Chance zu befördern, diese als Anlass wahrzunehmen, alte Muster zu hinterfragen um die Sammlung als solche ›lebendig‹ zu erhalten. Die Lehrsammlung ist idealiter und im foucaultschen Sinne als Archiv zu verstehen, als ein Sammeln, welches Formen von Geschichte konstruiert, als solches unabgeschlossen bleibt und auf die Zukunft verweist.5 Dass Sammlungen und deren materielle Objekte als pars pro toto Orte der Erinnerung sein können, die Zukunftserwartung generieren, demonstriert dieser Sammelband eindrucksvoll.

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Note de fin

1 Pierre Nora (Hg.), Les lieux de mémoire, Paris: Gallimard, 1984–1992.

2 Pierre Paris war bis 1913 Direktor der École des beaux-arts de Bordeaux und Präsident der Archäologischen Gesellschaft ebendort. Spezialist für die Archäologie Spaniens, designierter Maître d'ouvrage des 1886 eröffneten Musée archéologique der Universität installierte er sich 1923 in Valladolid.

3 Eine gesamt-französische Perspektive auf Abguss-Sammlungen wird derzeit von Soline Morinière bearbeitet. Ein Forschungsprojekt zum Thema deutscher Universitätssammlungen: http://www.universitaetssammlungen.de/ [letzter Zugriff: 01.09.2023]. Alleine in Deutschland existieren zum jetzigen Zeitpunkt 15 Universitäten mit mehr als 30 Sammlungsbeständen; vgl. Ulrike Saß, »Möglichkeitsraum Universitätssammlung – zwischen Anschauungsmaterial und Erkenntnispotenzial«, in: Antoinette Maget Dominicé, Claudius Stein und Niklas Wolf (Hg.), Lehr- und Schausammlungen im Wandel. Archive, Displays, Objekte, Berlin: Reimer Verlag, 2021, S. 119ff.

4 Ein aktuelles, bedauerliches Beispiel hierfür ist das Ende der Leihgabe der Wallmoden-Sammlung an die Antikensammlung der Universität Göttingen, die bereits 1781 nach Göttingen kam. Zur Geschichte der Sammlung siehe Daniel Graepler, »Die Originalsammlung des Archäologischen Instituts«, in: Dietrich Hoffmann und Kathrin Maack-Rheinländer (Hg.), Die Museen, Sammlungen und Gärten der Universität Göttingen, Göttingen: Wallstein Verlag, 2001, S. 60 und https://viamus.uni-goettingen.de/ [letzter Zugriff: 01.09.2023].

5 Vgl. Antoinette Maget Dominicé, Claudius Stein und Niklas Wolf (Hg.): Lehr- und Schausammlungen im Wandel, op. cit., S. 28.

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Pour citer cet article

Référence papier

Anna-Lena Brunecker, « Marion Lagrange (Hg.), Université & Histoire de l’Art. Objets de mémoire (1870–1970) »Regards croisés, 13 | 2023, 123-125.

Référence électronique

Anna-Lena Brunecker, « Marion Lagrange (Hg.), Université & Histoire de l’Art. Objets de mémoire (1870–1970) »Regards croisés [En ligne], 13 | 2023, mis en ligne le 03 mars 2024, consulté le 21 mai 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/regardscroises/815

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