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Dossier

Die Grenzen der Zeit: Caillois und die Steine

Thomas Schmuck
p. 56-59
Traduction(s) :
Les frontières du temps : Caillois et les pierres [fr]

Notes de la rédaction

https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.57732/rc.2023.1.102664

Texte intégral

  • 1 Roger Caillois, Steine, aus dem Französischen übers. von Gerd Henninger, München: Carl Hanser, 1983 (...)
  • 2 Vgl. E. M. Cioran, »Roger Caillois«, in: Widersprüchliche Konturen. Literarische Porträts, Frankfur (...)

1Steine stehen im Zentrum des Werkes von Roger Caillois. Zahlreiche Photographien zeigen ihn mit Gesteinen und Mineralien, mehrere Bücher und Beiträge sind ihnen gewidmet.1 Seine Sammlung von etwa 2.000 Mineralien und Gesteinen kam 1988, zehn Jahre nach seinem Tod, ins Muséum national d’Histoire naturelle in Paris, wo sie heute ausgestellt ist. Schon Émile Michel Cioran hat darauf hingewiesen – und seither ist dies öfters wiederholt worden –, dass, wenn sich Cailloisʼ innerste Natur, sein Ich in einem Buch am direktesten ausdrücken würde, dann jenes über »Steine« zu nennen (Pierres, 1966). Caillois offenbare sich darin durch seinen Tonfall: dieser sei anders, enthusiastisch, eindringlich und bohrend ausführlich. Steinen gälte, so Cioran, die einzige Leidenschaft, die Caillois je gekannt habe.2 – Warum ist das so? Was faszinierte Caillois an Steinen?

Farben

  • 3 Caillois, Die Schrift der Steine, op. cit., S. 9.
  • 4 Caillois, Steine, op. cit., S. 52–53.
  • 5 Caillois, Die Schrift der Steine, op. cit., S. 148–149.
  • 6 Caillois, Steine, op. cit., S. 52.

2Für Caillois ist »jeder Stein« »eine Welt«.3 Grundlage dieser Feststellung ist die Bewertung der Farben als besonders auffällige, aber auch trügerische Merkmale der Mineralien und Gesteine. In der langen Geschichte der Mineralogie widerstanden sie eindeutiger Klassifikation, auch wenn Abraham Gottlob Werner, Mineraloge und Lehrer von Alexander von Humboldt und Novalis, Ende des 18. Jahrhunderts ein standardisiertes Farbsystem für eine eindeutige Bestimmung samt eigener Nomenklatur schuf. Mineralien können viele Farben annehmen, ohne ihre Identität, d. h. ihre Namen und ihre Stellung im mineralogischen System zu verlieren. Sie changieren, wechseln Farben selbst innerhalb eines einzigen Kristalls, so etwa beim Turmalin – und doch bleiben sie gleich. Als Beispiel der Vielfalt dient Caillois ein »schimmernde[r] Hämatit«: ein »grüner, ganz von Finsternis durchzogener Widerschein«, ein »eisiges, heraldisches Grün«, schließlich gar eine »Übersteigerung des Grüns« und, in die Welt des Organischen wechselnd, »das einhellig grüne Licht von Metall-, von Goldlaufkäfern«.4 Dieses »Grün gleitet über die Oberfläche des Eisens« und erzeugt einen Schimmer, für den es keine Farbbezeichnung mehr gibt. Es erinnert ihn an Wasser, das zu kochen beginnt, an kalte und »grausame« Farbnuancen. In anderen Werken über Steine, L’Écriture des pierres von 1970 und Pierres réfléchies von 1975, hat Caillois Ähnliches mit der Farbe Schwarz versucht, z.B. in den »Notizen für die Beschreibung schwarzer Mineralien«.5 Aber die Farbbeobachtungen an Hämatiten, den mehrheitlich schwärzlich-rötlichen Blutsteinen, gehen noch über die Grünschattierungen hinaus: Das »matte Gold«, das »Erdbeerrot« und »Jod- oder Fuchsinviolett« verweisen wieder auf die Welt des Organischen, auf die Blütenfarben der Fuchsien und auf Färbemittel. Mit dem Farbstoff Fuchsin werden Chromosomen purpurn, magentafarben zum Nachweis der DNS zum Leuchten gebracht. Es scheint leichter, bei einem einfachen Hämatit fehlende als auftretende Farben festzustellen – aber, so lässt sich fragen, fehlen denn überhaupt welche? Der Hämatit erzeugt den Farbenkreis, das ganze Regenbogenspektrum: an ihm erscheint der »Lichthof eines undurchsichtigen Regenbogens«, der weniger an einen Regenbogen am sommerlichen Gewitterhimmel erinnert als an »Öllachen an der Oberfläche schmutziger Hafengewässer oder im Rinnstein von Garagen.«6 Sogar Farben, die der Regenbogen nicht kennt, dunkles Schwarz, »plötzliche Diamantennacht«, eine laut Caillois mineralogische, nicht etwa poetische Bezeichnung, und »Tinte«, »angereicherte Nacht« treten auf. Es sind Erscheinungen, die über herkömmliche Bezeichnungen von Farben weit hinausgehen. Caillois nennt dies eine »jenseitige Färbung«. Und sein kurzer Text über das Schillern des Hämatits – eines so häufigen, geradezu alltäglichen Minerals – bewegt sich, während er von Farben spricht, von der anorganischen Welt der Aufschlüsse, Bergwerke und Fundorte, wie etwa das genannte Elba, über die Welt des Organischen, der er seine Farbvergleiche entnimmt, wie Goldlaufkäfer und Fuchsien, hin zur Welt des Menschen, der Zivilisation, wo die künstlichen Regenbögen in Hafenwässern und Rinnsteinen aufleuchten. Diese erzählende Bewegung ist ein Kompositionsprinzip vieler Cailloisʼscher Texte. In ihr wird die Welt des Menschen verknüpft mit dem fernen Bereich des Anorganischen, den ältesten Gesteinen vom Anbeginn der Zeit.

Zeiten

  • 7 Ibid., S. 5–6.
  • 8 Ibid., S. 6.
  • 9 Ibid., S. 5.
  • 10 Ibid., S. 7.

3Steine als Repräsentanten der Welt aufzufassen, kommt der Faszination Caillois’ für diese indes nur scheinbar näher, da eine solche Vorstellung Verkürzung ist: Steine repräsentieren nichts, weil sie nichts bedeuten. In der Widmung seines Buches Steine von 1966 findet sich eine Schlüsselpassage für Cailloisʼ Verständnis: »Sie [die Steine] sind geblieben, was sie waren. […] [S]tets in ihrer Wahrhaftigkeit: sie selbst und sonst nichts.«7 Steine dauern, sie verändern sich nicht und sie bedeuten nichts. Und jene Steine, die durch den Menschen Bedeutung, Wert oder Funktion bekommen – Edelsteine, Grabsteine, verarbeitetes Metall, wissenschaftliche Objekte usw. – interessieren Caillois nicht: nur »von Steinen spreche ich, die niemals etwas ändern wird«, von Steinen, »die nicht mal des Todes gewärtig sein müssen und nichts weiter zu tun haben, als sich Sand, Platzregen oder Brandung, Unwetter und Zeit übers Gesicht rieseln zu lassen.«8 Ihre Dauerhaftigkeit wird möglich durch ihr Nichts-Bedeuten; und ihr Nichts-Bedeuten wird aufgeladen durch ihr Dauern. »Sie verewigen nur ihr eigenes Gedächtnis.«9 Erst durch dieses Dauern gewinnen sie – denn darin besteht das Paradoxon – für uns Betrachter im Sinne Caillois’ Bedeutung: als Menschen vergehen wir im Vergleich mit Gesteinen so schnell, dass den Steinen unsere Existenz, Ankunft wie Verschwinden, nicht einmal auffallen würde, hätten sie denn Bewusstsein. In diesen »nackte[n] Steine[n]« verhüllt sich und gibt sich preis »ein gemesseneres, umfassenderes und feierlicheres Geheimnis«, als es das »Geschick einer vergänglicheren Gattung« des Menschen ist.10

  • 11 Ibid., S. 96.
  • 12 Ibid., S. 5.

4Steine sind vom Anfang her. Als Zeugen dieses Anfangs bedeuten sie nichts, repräsentieren alles, und werden noch Zeugen des Endes sein. Sie sind etwas »winzig Kleines, das fortdauert.«11 »Sie stammen vom Beginn des Planeten, manchmal von einem anderen Stern. Dann weisen sie die Drehung des Raumes auf wie ein Stigma ihres Sturzes. Ihr Ursprung liegt vor dem Menschen.«12 Wir werden den Verweis auf das All noch einmal kurz aufgreifen; hier interessiert die übermenschliche Dauerhaftigkeit der Steine. Wer einen Stein aufliest, ergreift ein Objekt vom Anbeginn der Zeiten. Das Auflesen durch das Augenblickswesen Mensch ist selbst ein Akt des Augenblicks; der Stein aber, wieder fallengelassen, dauert fort.

  • 13 Ibid., S. 68.
  • 14 Ibid., S. 62.
  • 15 Ibid., S. 60.
  • 16 Ibid., S. 61.
  • 17 Caillois, Die Schrift der Steine, op. cit., S. 163.

5Dass ein Stein eine ganze Welt im Kleinen ist, zeigt sich nicht nur in der Vielfalt der Farben und in der Fähigkeit zu überdauern. Vielmehr bilden Steine selbst Landschaften, Gewässer, Meere und Wälder, Himmel und Schnee – Steine sind »vollständige, in sich geschlossene Welten.«13 Sie sehen Gebirgen und Grotten ähnlich, beinhalten »Seen« und »Nebellandschaften« und, wie Caillois an Achaten vorführt, tragen einen »Schneehimmel«, in dem es »große gelbe Flocken« schneit.14 Im Inneren der Steine finden sich Meere – oder genauer: Flüssigkeiten, die eingeschlossen wurden, bevor es überhaupt Meere gab. Wieder ist es das Zurückreichen bis an den Anfang, das Caillois fasziniert. Beim Öffnen der Achatknollen findet sich, behauptet er, »eine Flüssigkeit, die noch vor dem Wasser war und die sich aus so fernen Zeitaltern erhalten hat, dass diese gewiss weder Quellen noch Regen, weder Ströme noch Meere kannten.«15 Sie sind vor allen Gewässern, sie stammen »vom Beginn der Zeiten«,16 in Quarzen wie in Chalzedonen. In deren Hohlräumen bilden sie Teiche mitsamt dem Himmel ab. Hier ist der Stein der Zeit enthoben, soweit das in der Zeit möglich ist. Er verweist auf ein All vor der Zeit, vor der Verderbtheit, auf »Quasi-Ewigkeit«.17

Gegensätze

  • 18 Caillois, Steine, op. cit., S. 82.
  • 19 Ibid., S. 85.
  • 20 Ibid., S. 84.

6Steine stehen am Beginn der Zeit des Menschen, allerdings als »widernatürliche Steine«, wie der Titel eines Kapitels aus dem Buch Steine verrät, nämlich als aufgerichtete und geordnete Blöcke in den Megalithkulturen. Mit ihnen beginnt die Geschichte der »fleissige[n] Rasse« des Menschen, »begierig danach […], ihre Zukunft umzugestalten.«18 Es sind »ungeschlachte Stelen«, die »die ganze Geschichte ihrer Gattung feierlich eröffnen.«19 Sie sind Produkte eines »Ehrgeizes« und deshalb widernatürlich – ganz wie vierfüßige Tiere, die sich aufrichten, und darin diese Aufrichtung ›feiern‹; zugleich sind sie »ewig schweigsame Marksteine ohne Symbole oder Wahrsprüche«20 und damit ohne Bedeutung. Selber tragen sie keine Zeichen. Sie markieren den Zeitpunkt, der die ungleichen Zeitalter von Steinen und Menschen trennt.

  • 21 Ibid., S. 63.
  • 22 Ibid., S. 94.
  • 23 Caillois, Die Schrift der Steine, op. cit., S. 9.

7Dem Menschen als äußerstem Gegensatz zum Stein ist am Ende des Kapitels »Das Wasser im Stein«, die abschließende Coda gewidmet: »Der Lebendige, der sie [die Steine] betrachtet, begreift, dass er seinerseits weder so dauerhaft noch so beharrlich ist. Weder so beweglich noch so rein. Freudlos sieht er sich am äußersten Ende eines anderen Reiches, und plötzlich so sehr als ein Fremdling im Weltall: stumpf und schwerfällig, ein ungebetener Gast.«21 Aber auch dieser äußerste Gegensatz kann aufgehoben werden. Menschen werden zu Stein, wie Caillois an Beispielen aus der chinesischen Literatur ausführt, sie verschwinden im Stein, oder sie nehmen, wenn sie Steine betrachten, etwas von deren Natur an: »Ich bemühe mich in Gedanken, sie im Augenblick ihrer Entstehung zu erfassen. Da gerate ich in eine ganz merkwürdige Erregung. Ich spüre, wie ich ein wenig die Natur der Steine annehme.«22 Was auch immer sie sind, welche Gegensätze sie prägen, welche Verwandlungen sie unterworfen sind – für den betrachtenden Menschen sind Steine »Stützen geistiger Übung«.23

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Note de fin

1 Roger Caillois, Steine, aus dem Französischen übers. von Gerd Henninger, München: Carl Hanser, 1983; id., Die Schrift der Steine, aus dem Französischen übers. und mit einem Nachwort von Rainer G. Schmidt, Graz: Literaturverlag Droschl, 2004; id., Patagonien und weitere Streifzüge, aus dem Französischen übers. und mit Nachbemerkungen von Rainer G. Schmidt, Graz: Literaturverlag Droschl, 2016.

2 Vgl. E. M. Cioran, »Roger Caillois«, in: Widersprüchliche Konturen. Literarische Porträts, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1989, S. 20–26, hier S. 21–22.

3 Caillois, Die Schrift der Steine, op. cit., S. 9.

4 Caillois, Steine, op. cit., S. 52–53.

5 Caillois, Die Schrift der Steine, op. cit., S. 148–149.

6 Caillois, Steine, op. cit., S. 52.

7 Ibid., S. 5–6.

8 Ibid., S. 6.

9 Ibid., S. 5.

10 Ibid., S. 7.

11 Ibid., S. 96.

12 Ibid., S. 5.

13 Ibid., S. 68.

14 Ibid., S. 62.

15 Ibid., S. 60.

16 Ibid., S. 61.

17 Caillois, Die Schrift der Steine, op. cit., S. 163.

18 Caillois, Steine, op. cit., S. 82.

19 Ibid., S. 85.

20 Ibid., S. 84.

21 Ibid., S. 63.

22 Ibid., S. 94.

23 Caillois, Die Schrift der Steine, op. cit., S. 9.

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Pour citer cet article

Référence papier

Thomas Schmuck, « Die Grenzen der Zeit: Caillois und die Steine »Regards croisés, 13 | 2023, 56-59.

Référence électronique

Thomas Schmuck, « Die Grenzen der Zeit: Caillois und die Steine »Regards croisés [En ligne], 13 | 2023, mis en ligne le 02 mars 2024, consulté le 21 mai 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/regardscroises/737

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