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Editorial

Claudia Blümle, Markus A. Castor, Ann-Cathrin Drews, Boris Roman Gibhardt, Marie Gispert, Johannes Grave, Fanny Kieffer, Julie Ramos et Muriel van Vliet
p. 4-6
Traduction(s) :
Éditorial [fr]

Texte intégral

1Roger Caillois (1913–1978), Philosoph, Schriftsteller, Literaturkritiker und Übersetzer, gehörte zu den vielseitigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Sein Gesamtwerk wirkt auf den ersten Blick äußerst heterogen. Beim näheren Hinschauen lässt sich feststellen, dass für Caillois zwischen so scheinbar gegensätzlichen Themen wie dem Leben der Insekten, der Erscheinungsform von Steinen, dem Krieg, der Kunst des Surrealismus und der fantastischen Literatur durchaus Verbindungen bestehen. Daher lässt sich sein Werk auch kaum nach Haupt- und Nebenarbeiten säuberlich auftrennen. Als es der Verlag Gallimard 2008 unternahm, die wichtigsten Arbeiten aus Cailloisʼ knapp 40 Büchern in einer einbändigen Edition zusammenzufügen, kam dabei ein Buch von nicht weniger als 1204 Seiten heraus.

2Nicht nur, dass Caillois seine Leserinnen und Leser mit seiner Werkfülle und Vielseitigkeit vor eine Herausforderung stellt. Der französische Intellektuelle erhob es sogar zur Methode des Denkens schlechthin, lineare Grenzziehungen und Kategorien zu negieren. Programmatisch setzte er sich dafür ein, zwischen wissenschaftlichen Disziplinen, allen voran den Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, Brücken zu bauen. Als Gründungsmitglied des Collège de Sociologie versuchte Caillois Wissensfelder ›diagonal‹, wie er es nannte, zu verschränken, um dadurch eine Perspektive auf fundamentale und häufig übersehene Gemeinsamkeiten und Nachbarschaften zu gewinnen. Als Sammler erinnerte Caillois die nicht selten praxisvergessene akademische Kunstwissenschaft an die materielle Eigenwirklichkeit ihrer Gegenstände und Objekte. Und als Literaturwissenschaftler vermittelte er zwischen den verschiedenen Literaturen und Kulturen, etwa von Europa und Südamerika, in einer Zeit, als die Nationalphilologien das akademische System beherrschten.

3Dies sind nur einige der Handlungsfelder dieses unangepassten Intellektuellen, aber sie zeigen seine Arbeitsweise recht gut. Beginnen wir mit Cailloisʼ Wirken als Literaturtheoretiker (das wir insbesondere mit den zwei abschließenden Aufsätzen des Dossiers näher beleuchten). Ab den 50er Jahren begann sich Caillois, nun mit dem Gewicht der von ihm gegründeten internationalen Zeitschrift Diogène im Rücken, für den Austausch zwischen den Literaturen Europas und Südamerikas zu engagieren. Wie der Beitrag von Guillaume Bridet zeigt, spricht Caillois von der ›Littérature universelle‹ in einer Art und Weise, die an J. W. Goethes in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte Idee der ›Weltliteratur‹ anschließt. Mit dem Schwerpunkt Europa-Südamerika überträgt Caillois das Konzept der Weltliteratur in eine vom kolonialen Geist und vom Zweiten Weltkrieg gezeichnete Moderne.

4Bei aller globalen Weitsicht liegen Caillois’ Stärken als Literaturwissenschaftler vor allem in der Beschreibung der qualitativen, aber schwer fassbaren Eigenschaften literarischer Texte der Weltliteratur. Neben Tzvetan Todorov gehört Caillois zu den wichtigsten Kennern der fantastischen Literatur. Wie in unserem Dossier der Beitrag von Annick Louis zeigt, ist Caillois’ Definition der fantastischen Literatur bis heute relevant. Caillois entwickelte seine Theorie auf der Grundlage der europäischen Erzählkunst von E.T.A. Hoffmann bis Franz Kafka. Als Vermittler zwischen Europa und Südamerika musste Caillois gleichwohl zur Kenntnis nehmen, dass seine Definition des Fantastischen für den magischen Realismus der südamerikanischen Literatur nicht passte.

5Genau hier stoßen wir auf Cailloisʼ Methode. Definitionen aufzustellen und sie in anderem Kontext zu problematisieren, ist für ihn geradezu charakteristisch und in dieser Konsequenz ein Alleinstellungsmerkmal nicht nur seiner Literaturtheorie. Eben deshalb lässt sein Werk kaum eine Einteilung in Haupt- und Nebenarbeiten zu. Im Fall des Fantastischen ging Caillois so weit, auch bei natürlichen Erscheinungs- und Wirkungsformen der Flora und Fauna von Fantastik zu sprechen – und sah sich entsprechend dem Problem einer Natur und Kunst umspannenden Semantik des Fantastischen ausgesetzt.

6Mit anderen Worten ist es Caillois‘ großes Thema, zu verstehen, wie die Dinge, die auf der Sachebene nicht miteinander verhandelbar sind, in einer anderen Dimension unzertrennlich zusammengehören. Seine Arbeiten sind damit allesamt auch wissenschaftshistorische Reflexionen, wie in unserem Dossier der Aufsatz von Sarah Kolb zeigt. In Calloisʼ Epistemologie verschwimmt der Status der Dinge ; Quecksilber erscheint gefräßig wie ein Insekt, ein alltäglicher Karabinerhaken magisch wie ein Gegenstand der Fantastik.

7Damit kommen wir auf die oben angesprochene Grenzüberschreitung von Natur- und Geisteswissenschaften zurück. Entscheidend ist, dass Caillois nicht etwa eine metaphorische Rede führt, wenn es um Quecksilber und Karabinerhaken geht. Auch wenn der frühe Caillois etliche seiner Texte in dem surrealistischen, von André Breton geleiteten Künstlermagazin Minotaure publizierte, so spricht er doch überwiegend als Wissenschaftler, als Bildanalytiker sowie als Feldforscher, Empiriker und Sammler. Dies zeigt seine Philosophie der Steine, der Thomas Schmuck einen Beitrag im Dossier widmet, und ebenso sein ›transversaler‹ Blick auf ›soziale‹ Verbindungen von (menschlichem) Organismus und Anorganik, denen Markus Schroer in seinem Text nachgeht. Die drei Aufsätze zeigen : Cailloisʼ Ansicht, dass das Universum auf wenigen Grundelementen beruhe, die sich ständig wiederholen, ist auch und gerade heute eine starke These. Wenn alles miteinander in Verbindung steht, dann kann der Mensch nicht die Krone der Schöpfung sein, für die er sich lange hielt. Caillois hinterfragt damit die Höherstellung des Menschen über den ›Rest‹ des Lebendigen auf der Erde und betont die soziale Existenzgemeinschaft aller Lebensformen einschließlich des Anorganischen.

8Caillois ging dabei jedoch nicht pauschal vor. Eine (Wieder-) Entdeckung seiner Differenzierungen und seine Vorliebe für Detailstudien könnten helfen, in heutigen wissenschaftlichen posthumanistischen Debatten ein Denken in Schwarz-Weiß-Kategorien zu vermeiden. Mit unserem Dossier zu André Leroi-Gourhan haben wir mit den Regards croisés (No 9/2019) dieses Thema bereits in den Blick genommen. Denn auch Leroi-Gourhan vertrat, etwa mit seinem Werk Hand und Wort (1964-1965), die Ansicht, dass der Mensch nur im Verbund mit anderen Akteuren und Einflussfaktoren aus seiner Umwelt, insbesondere mit den aus ihr gewonnenen technischen Werkzeugen, ›seine‹ Welt gestaltet. Cailloisʼ transdisziplinäre Komparatistik der Lebens- und Wissensbereiche und -gemeinschaften kommt gleichwohl in (internationalen) Debatten, etwa im Umfeld der Environmental studies und des Neomaterialismus in Natur-, Kultur- und Literaturwissenschaften, noch seltener vor als die Argumente Leroi-Gourhans.

9Es ist die spezifische Kompetenz von Regards croisés, das Werk solcher weniger bekannter Forscherinnen und Forscher des 20. Jahrhunderts aus einer deutschen und einer französischen Perspektive zu beleuchten. Wir glauben, dass dieser Ansatz gerade für eine stärkere Berücksichtigung von Caillois’ Thesen im heutigen deutsch-französischen und internationalen Wissenschaftsaustausch produktiv sein kann. Wir danken unseren Autorinnen und Autoren, dass sie mit ihren eigens für dieses Dossier erarbeiteten Aufsätzen einen Beitrag zu diesem Ziel geleistet haben.

10Unsere aktuelle Ausgabe enthält wie immer ein projet croisé, mit dem wir auf deutsch-französische Kooperationen oder Institutionsgeschichten aufmerksam machen möchten. In diesem Fall interessierte uns die Winckelmann-Gesellschaft in Stendal, an der gerade die historisch-kritische Winckelmann-Edition abgeschlossen wurde. Wir danken Max Kunze dafür, dass er für ein ausführliches Interview zur Verfügung stand. Selbstverständlich enthält diese Ausgabe von Regards croisés wieder Rezensionen deutscher und französischer Neuerscheinungen auf dem Gebiet der Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Ästhetik.

11Wir bedanken uns bei den Autorinnen und Autoren, ferner bei den Übersetzerinnen Florence Rougerie und Nicola Denis für ihre Übertragungen ins Deutsche bzw. ins Französische und schließlich bei Fritz Grögel für seine graphische Umsetzung des gesamten Hefts. Insbesondere danken wir den Institutionen, die uns finanziell oder logistisch unterstützen : dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris, dem HiCSA der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne, dem wissenschaftlichen Zentrum ARCHE der Universität Straßburg, dem Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin und der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

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Pour citer cet article

Référence papier

Claudia Blümle, Markus A. Castor, Ann-Cathrin Drews, Boris Roman Gibhardt, Marie Gispert, Johannes Grave, Fanny Kieffer, Julie Ramos et Muriel van Vliet, « Editorial »Regards croisés, 13 | 2023, 4-6.

Référence électronique

Claudia Blümle, Markus A. Castor, Ann-Cathrin Drews, Boris Roman Gibhardt, Marie Gispert, Johannes Grave, Fanny Kieffer, Julie Ramos et Muriel van Vliet, « Editorial »Regards croisés [En ligne], 13 | 2023, mis en ligne le 29 février 2024, consulté le 21 mai 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/regardscroises/667

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Claudia Blümle

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