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Editorial

p. 7-10
Cet article est une traduction de :
Éditorial [fr]

Texte intégral

  • 1 Vgl. Tian Xu, Jennifer White, Sinan Kalkan & Hatice Gunes, Investigating Bias and Fairness in Facia (...)

1Als wir das Thema für das Dossier unserer zehnten Ausgabe wählten, war noch keine Rede von jener Pflicht, Masken zu tragen, die heute unsere Wahrnehmung von Gesichtern so erheblich beeinflusst. Stellt die Covid-19-Pandemie, die zum Zeit- punkt des Verfassens dieses Editorials noch immer das Leben von Millionen von Menschen und die globale Ökonomie betrifft, die Darstellung des Gesichts in Frage oder legt sie deren latente Implikationen erst offen? Die Fragen, um die es uns ursprünglich mit dem Dossier ging, schienen uns hauptsächlich mit ihrer Kodifizierung in Kunsttheorien und ihrem Wiederaufleben in der Forschung über Gesichtserkennungstechniken zusammenzuhängen, mithin mit Formen der biometrischen Authentifizierung durch eine Software, die in der Lage ist, eine Person anhand der Gesichtszüge zu identifizieren. Deren Arbeitsweise auf der Grundlage einer Datenbank von statischen oder bewegten Bildern, die die Erstellung von »Schablonen« für Vergleiche ermöglicht, schien uns Teil der langen physiognomischen Tradition zu sein, die seit dem 18. Jahrhundert das Phantasma der Lesbarkeit und der Beherrschung des Gesichts in Realität und Kunst so stark befördert hatte. Auch die Gesichtserkennung basiert auf Analogien und verzerrten Schlussfolgerungen, wie aktuelle Debatten zeigen.1 Es ging uns daher weniger darum, das äußerst weit gefasste Thema der Darstellung des Gesichts in all der Vielfalt der Bereiche, die unsere Zeitschrift umfasst, erschöpfend zu behandeln, als es im Lichte dieser aktuellen Situation neu zu untersuchen – einschließlich des Widerstands, den es in künstlerischen Praktiken hervorgerufen hat und immer noch hervorruft. Die Aktualität unseres Themas hat sich nun verschoben. Und die Frage nach dem, was die Maske verbirgt, erweist sich umso mehr als zweischneidig. Denn in ihr schwingt sowohl das Streben nach einer Enthüllung des Unsichtbaren hinter den sichtbaren Gesichtszügen mit als auch die Verschleierung dessen, was das Individuum in besonderer Weise als einzigartig auszeichnet.

  • 2 Siehe S. 54

2Wie der Beitrag Martial Guédrons2 zur reich bebilderten Übersetzung der Physiognomischen Fragmente des Schweizers Johann Caspar Lavater durch Louis-Claude Moreau de la Sarthe zeigt, erbte das 19. Jahrhundert vom Projekt der Aufklärung das Anliegen, dem, was bis dahin als Kunst der Weissagung erschien, eine wissenschaftliche und moralische Grundlage zu geben: In den Konfigurationen und äußeren Gesichtsausdrücken galt es den inneren Charakter und das soziale Verhalten eines Individuums zu entziffern, um es möglicherweise gar beeinflussen zu können. Bei der Annäherung von Physiognomie und Semiotik, die damals der Medizin die Methode bot, Symptome einer Krankheit zu lesen, ließ sich Moreau de la Sarthe von Kunstwerken und künstlerischen Theorien (Le Brun, Diderot, Lessing) anregen, und sein Werk inspirierte wiederum Maler, Schriftsteller und Schauspieler.

  • 3 Siehe S. 12.
  • 4 Siehe S. 108.

3Die Physiognomie beruht auf der Fähigkeit, die divergierenden ›Zeichnungen‹ verschiedener Gesichter zu unterscheiden, auf dem Ideal einer eloquentia corporis, die eine Transparenz des Sichtbaren verspricht, sowie, komplementär dazu, auf einer Übersetzung der Innerlichkeit in ein räumlich entfaltetes Schauspiel – was einer der Definitionen der theoria gleichkommt. Roland Meyer zeigt, dass sich dieser Wunsch nach Beherrschung und Macht mittels der anthropometrischen Avatare der Physiognomie auch in Forschungen zur Gesichtserkennung fortsetzt, deren technischer und epistemologischer Geschichte er seit den 1960er Jahren nachspürt.3 Diese oszilliert zwischen dem Phantasma einer Analogie, die zwischen der kognitiven Wahrnehmung des Gesichts und der künstlichen Intelligenz hergestellt werden soll, und der Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen Maschine und Mensch, deren Raum sich nun auch auf soziale Netzwerke und auf das »tagging« von Fotos durch Internetnutzer erstreckt. Dass diese Geschichte der Gesichtserkennungstechnologien, wie Roland Meyer argumentiert, untrennbar mit einer Bildgeschichte verbunden ist, wird ebenfalls durch Claus Guntis Beitrag4 nahegelegt, die sich der Nutzung der digitalen Fotografie durch Künstler seit den 1990er Jahren zuwendet. Seiner Meinung nach wird die Befürchtung, dass diese »Post-Fotografie« durch den Verlust einer vermeintlich indexikalischen Beziehung zum Realen beeinträchtigt werden könnte, von einer Reihe von Künstlern in Frage gestellt, die sich die physiognomische Tradition (Francis Galton, Cesare Lombroso) sowie die Techniken der Gesichtsdigitalisierung und Gesichtserkennung wieder aneignen. Ihre Arbeit weist hin- gegen auf die reale Bedrohung hin, die Bilder für die Freiheit und Integrität von Individuen oder sogar für die ihrer virtuellen Avatare darstellen. Mit dem Übergang zur Dreidimensionalität – zum Beispiel zu den »Masken« in Alan Broombergs und Oliver Chanarins Spirit is a Bone – stellen sie unsere Fähigkeit in Frage, uns in die auf diese Weise dargestellten und manipulierten Gesichter einzufühlen. So befragen zeitgenössische Künstler aufs Neue die Fähigkeit des Bildes, eine innere Erfahrung einzufangen und eine Begegnung zu initiieren.

  • 5 Emmanuel Levinas, Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität, übers. von Wolfgang N (...)
  • 6 Gilles Deleuze, Félix Guattari, »Das Jahr Null. Die Erschaffung des Gesichts«, in: id., Tausend Pla (...)
  • 7 Siehe S. 65.

4Im Jahr 1971 stellte der Philosoph Emmanuel Levinas fest, dass das Gesicht den Charakter einer Epiphanie aufweise. Im Kapitel »Das Antlitz und die Exteriorität« seines Buches Totalität und Unendlichkeit kehrte er zur Etymologie des Gesichts (visage) als Gegenüber (vis-à-vis) zurück, um die Irreduzibilität des Anderen zu erkennen, die sich nicht »in seinem Status als Thema« erschöpfe: »Das Antlitz, in dem der Andere sich mir zuwendet, geht nicht auf in der Vorstellung des Antlitzes. Seine Not, die nach Gerechtigkeit schreit, vernehmen, besteht nicht darin, sich ein Bild vorzustellen, sondern sich als verantwortlich zu setzen, gleichzeitig als mehr und als weniger denn das Seiende, das sich im Antlitz präsentiert.«5 Die Epiphanie des Gesichts trägt die Ethik des »Du sollst nicht töten«, weil sie, weit davon entfernt, ein Objekt der Erkenntnis zu sein, das Unendliche als eine Idee bezeichnet, deren Gegenstand nicht vom Ich umfasst werden kann, und somit eher eine Schwäche offenbart, die meine Macht, sie zu umfassen, zu verstehen und zu beherrschen, he- rausfordert. In Levinas’ These, dass der einzige Ausweg aus dieser ethischen Beziehung im Angesicht des anderen darin besteht, sie zu zerstören, schwingt deutlich die jüngste Vernichtungsgeschichte mit. Am anderen Ende des Spektrums sehen zehn Jahre später Gilles Deleuze und Félix Guattari in Tausend Plateaus (zitiert im Beitrag von Roland Meyer) die Notwendigkeit geboten, zugunsten einer Klandestinität »dem Gesicht zu entkommen, das Gesicht und die Erschaffungsweisen des Gesichts aufzulösen«, das als Produkt einer »abstrakten Maschine« zu verstehen sei.6 Die Spannung zwischen den beiden Polen der nicht-figurativen Epiphanie des Gesichts bei Levinas einerseits und der zwanghaften Abstraktion der »Gesichtsmaschine« bei Deleuze und Guattari andererseits schwingt mit in Jin Yangs Essay7, der dem Verschwinden des Gesichts in Texten von Roland Barthes, Marguerite Duras, Erica Pedretti, W. G. Sebald, André Breton und Zhang Ailing (Eileen Chang) gewidmet ist. Deren Besonderheit besteht darin, die Unmöglichkeit der Realisierung oder Darstellung eines authentischen Porträts, sei es fotografisch, gemalt oder gezeichnet, in die Erzählung einzubeziehen. Abwesenheit, Tötung des Modells, Entstellung, Fragmentierung, Verzicht auf westliche Mimesis und Aussparungen (was nicht zuletzt an Lavaters von Roland Meyer erwähnte Maschine zum Zeichnen von Silhouetten erinnert) werden von der Performativität und Intermedialität des Textes aufgegriffen.

5Yangs Beitrag zeugt von dem Interesse unserer Zeitschrift, sich den Ansätzen der vergleichenden Literaturwissenschaft zu öffnen und sich umfassend mit dem auseinanderzusetzen, was wir Bild nennen. Diese Orientierung möchten wir nach der Publikation der ersten zehn Hefte der Regards croisés nun in einem neuen Untertitel zum Ausdruck bringen: »Deutsch-französische Zeitschrift für Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Ästhetik« (Revue franco-allemande d’histoire de l’art, d’esthétique et de littérature comparée).

  • 8 Siehe S. 180.

6Das Projet croisé8 dieser Ausgabe widmet sich Werk und Werdegang des 2018 verstorbenen Historikers der französischen Architektur und Bildhauerei des 12. Und 13. Jahrhunderts Willibald Sauerländer. Er interessierte sich in seinem Essai sur les Visages des Bustes d’Houdon (2002) ebenfalls für die Physiognomie, denn der Nachkriegskontext, in welchem er seine Forschungen begann, veranlasste ihn, auch das Erbe der Aufklärung in Frage zu stellen. In einem Gespräch, das im Februar 2020 im Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris geführt wurde, betonen Thomas Kirchner, Philippe Plagnieux, Anne-Orange Poilpré und Marc C. Schurr die Rolle Sauerländers als Brücke zwischen Frankreich und Deutschland und blicken auf seine Ausbildung und seine Freundschaft mit Louis Grodecki sowie auf seine in ihrer Zeit verankerten Beiträge zur methodologischen und erkenntnistheoretischen Reflexion zurück.

  • 9 Siehe S. 122.

7Schließlich bietet diese Ausgabe wie gewohnt Rezensionen9 von deutschsprachigen Büchern durch französischsprachige Autor·innen sowie von französischsprachigen Publikationen durch deutschsprachige Rezensent·innen. Diese Besprechungen tragen durch die von ihnen kommentierten Publikationen sowie die darin behandelten Themen und Debatten erneut zu einem intensiven Austausch zwischen Forschenden aus beiden Sprachräumen bei. Wir danken allen Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe sowie den Übersetzerinnen Nicola Denis und Florence Rougerie herzlich für ihre Mitarbeit. Abschließend möchten wir dem Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, dem HiCSA der Universität Paris 1, der Fondation Hartung Bergman und dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris für ihre finanzielle und logistische Unterstützung danken.

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Notes

1 Vgl. Tian Xu, Jennifer White, Sinan Kalkan & Hatice Gunes, Investigating Bias and Fairness in Facial Expression Recognition, https://arxiv.org/abs/2007.10075 [letzter Zugriff: 09.08.2020].

2 Siehe S. 54

3 Siehe S. 12.

4 Siehe S. 108.

5 Emmanuel Levinas, Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität, übers. von Wolfgang Nikolaus Krewani, Freiburg in Brisgau: Alber, 1987, S. 279 u. S. 311. Frz. Emmanuel Levinas, Totalité et infini. Essai sur l’extériorité, Paris: Le Livre de Poche, 2020, S. 212 und S. 237.

6 Gilles Deleuze, Félix Guattari, »Das Jahr Null. Die Erschaffung des Gesichts«, in: id., Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, übers. von Gabriele Ricke und Ronald Voullié, Berlin: Merve Verlag, 1992, S. 229–262, hier S. 234. Gilles Deleuze, Félix Guattari, »Das Jahr Null. Die Erschaffung des Gesichts«, in: idem, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, übers. von Gabriele Ricke und Ronald Voullié, Berlin: Merve Verlag, 1992, S. 229–262, hier S. 234.

7 Siehe S. 65.

8 Siehe S. 180.

9 Siehe S. 122.

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Pour citer cet article

Référence papier

« Editorial »Regards croisés, 10 | 2020, 7-10.

Référence électronique

« Editorial »Regards croisés [En ligne], 10 | 2020, mis en ligne le 23 août 2023, consulté le 23 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/regardscroises/532

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