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Lectures croisées de l’actualité (recensions françaises et allemandes)

Florian Siffer & Aude Therstappen (Hg.), Goethe à Strasbourg 1770-1771. L’éveil d’un génie

Nele Döring et Mathilde Haentzler
p. 182-185
Référence(s) :

Florian Siffer & Aude Therstappen (Hg.), Goethe à Strasbourg 1770-1771. L’éveil d’un génie, Strasbourg: Musées de Strasbourg, 2020, 208 Seiten

Texte intégral

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Crédits : Musées de Strasbourg

1In den Jahren 1770 und 1771 verweilte der erst 21-jährige Johann Wolfgang Goethe in der zu seiner Zeit kosmopolitischen Stadt Straßburg, unter anderem um sein Jurastudium abzuschließen und seine Französischkenntnisse zu verbessern. Allerdings war der Aufenthalt auch darüber hinaus von großer Bedeutung für das künftige künstlerische Schaffen Goethes. Zum 250. Jahrestag seiner Ankunft in der Stadt kuratierten die Straßburger Museen in Zusammenarbeit mit der Bibliothèque nationale et universitaire (BNU) in der Galerie Heitz die multidisziplinäre Ausstellung »Goethe in Straßburg – das Erwachen eines Genies«. Die Schwerpunkte von Ausstellung und Katalog liegen auf der Zeit Goethes in Straßburg und dem intellektuellen Leben der Stadt. Absicht der Ausstellungsmacherinnen und Ausstellungsmacher war, diese Episode in Goethes Leben als »laboratoire de la pensée« (S. 28) herauszuarbeiten, und den Besucherinnen und Besuchern zu ermöglichen, das Straßburg der Jahre 1770 und 1771 mit den Augen Goethes zu betrachten.

2Hierzu wurden in der Ausstellung etwa 120 Objekte aus den Straßburger Museen, der BNU sowie aus mehreren öffentlichen und privaten Sammlungen präsentiert. Die Vielfalt der Exponate ist beachtlich: Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien, Textilien sowie gedruckte Quellen und Manuskripte wurden gezeigt. Mit ihrer bis ins XX. Jahrhundert reichenden Provenienz gehen sie über die Goethezeit hinaus und dokumentieren damit zugleich die Rezeptionsgeschichte des Themas ›Goethe in Straßburg‹. Im Ausstellungskatalog werden knapp siebzig der ausgestellten Objekte im Rahmen von neun kurzen und prägnanten Beiträgen aus Sicht verschiedener Disziplinen behandelt.

3Die erste Sektion von Ausstellung und Katalog, »Goethe à Strasbourg«, versucht insbesondere Goethes Faszination für die Stadt erklärbar zu machen. Die Orte werden etwa anhand von Lithografien und Zeichnungen entdeckt, seine Begegnungen lassen sich anhand von Porträts erzählen. Hier ist insbesondere Johann Gottfried Herder hervorzuheben, der als Mentor des jungen Goethe entscheidenden Einfluss auf dessen Werk und Kunstverständnis nahm. Aber auch die Begegnung mit Frederike Brion aus dem elsässischen Dorf Sessenheim, in die sich Goethe verliebte, mag zeigen, wie persönliche Erfahrungen und Erlebnisse Goethes Werk nachhaltig beeinflussen konnten.

4Raymond Heitz charakterisiert in seinem Aufsatz Goethes Aufenthalt in Straßburg und im Elsass als literarischen Paradigmenwechsel. Goethe habe nach einem zuvor eher konventionellen literarischen Stil über die elsässischen Erfahrungen, besonders der Natur, sowie in der Auseinandersetzung mit dem Topos des künstlerischen Genies einen neuen Stil entwickelt (S. 33–60). Roland Recht hebt in diesem Zusammenhang die Bedeutung der ästhetischen Erfahrung sowie die Auseinandersetzung Goethes mit der Straßburger Kathedrale hervor, die ihn eine neue Form der Empfindsamkeit gegenüber gotischer Architektur und deren Betrachtung erlangen ließen. Zudem habe Goethes Betrachtung der Kathedrale und seine Beschäftigung mit dem Werk des Dombaumeisters Erwin von Steinbach die Reflexion über den Geniebegriff befördert (S. 61–80). Viktoria von Brüggen erweitert die Thematik in ihrem Beitrag auf die elsässische Landschaft und führt an, dass diese ein wichtiger Beobachtungsgegenstand und Impuls für das Naturempfinden Goethes gewesen sei. Neben dem Erfahren einer großen körperlichen und geistigen Freiheit habe das Straßburger Umfeld zu einer intensiven Untersuchung und Wahrnehmung von Natur und Naturphänomenen seitens Goethes geführt (S. 81–100). Mathieu Schneider geht in seinem Artikel auf die Einflüsse Straßburgs und des Elsasses auf das musikalische Verständnis Goethes ein, indem er die Bedeutung der von Goethe in den Jahren 1770 und 1771 zusammengetragenen sogenannten Straßburger und Sessenheimer Lieder analysiert und die Bedeutung dieses Liedgutes für die Balladen und Verse Goethes herausarbeitet (S. 101–113).

5Ein zweiter Teil der Ausstellung beleuchtet die Blütezeit der elsässischen Kulturstadt in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts. Straßburg entwickelte sich zu einer attraktiven, kosmopolitischen Stadt und einem Zentrum künstlerischer Entwicklung. Die Kuratorinnen und Kuratoren weiten damit den Blick auf das Umfeld, welches den jungen Dichter umgab, bleiben aber den Nachweis der konkreten Bezugnahmen schuldig, denn Goethe selbst thematisierte diese Aspekte in seinen Werken allenfalls geringfügig.

6Man war sich dieses Mankos offenbar bewusst, denn Florian Siffer stellt diese Diskrepanz deutlich heraus, indem er zunächst die künstlerischen Entwicklungen unter anderem in den Bereichen Architektur, Innenausstattung und Malerei, ausleuchtet, um zu resümieren, dass Goethe die künstlerischen Besonderheiten der Region während seiner Zeit in Straßburg eben nicht in ihrer Gänze erfasst habe. Hingegen kann gezeigt werden, wie sehr der Einzug Marie-Antoinettes, der Braut des französischen Thronfolgers, in Straßburg im Mai 1770 auf Goethe einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die bei dieser Gelegenheit ausgestellte Tapisserie mit Motiven zur Vermählung Jasons und Medeas wird von Siffer als »un moment clé de la formation du goût« charakterisiert (S. 117–131), auch wenn Goethe die Thematik als dem Anlass unangemessen empfand. Es ist gut möglich, dass der Dichter durch das eigenständige literarische Schaffen der Stadt nichts wesentlich Neues entdecken konnte, allerdings vom dortigen literarischen Diskurs profitierte; das legt Christophe Didier in seinem Beitrag zum literarischen Leben in Straßburg um 1770 nahe. Folgt man seinem Text, dann war Straßburg weniger ein Zentrum selbstständiger literarischer Produktion, sondern vielmehr ein wichtiger Ort der Übersetzung sowie der literarischen Rezeption und Adaption. Den Grund sieht der Autor in der von geographischen, kulturellen und politischen Besonderheiten bestimmten Zwischenposition der Stadt. Es ist erstaunlich zu sehen, dass Goethe einerseits Mitglied einer Straßburger Lesegesellschaft war und sich am intellektuellen Austausch aktiv beteiligte, letztlich aber mehr Einfluss auf die Straßburger Literatur nahm als diese auf ihn (S. 133–151).

7Der große Gewinn der Ausstellung liegt in der Auseinandersetzung mit Goethes Nachleben und den verschiedensten Erinnerungsformen an Goethes Zeit in Straßburg, dies ist Thema der dritten Sektion. Dabei tritt insbesondere der konzentrierte Goethe-Bezug zum Ende des XIX. Jahrhunderts hervor, vor allem nach der Angliederung Elsass-Lothringens an das Deutsche Kaiserreich. So sind in der Ausstellung unter anderem Manuskripte aus der Hand Goethes vertreten, die 1878 zur Bereicherung der Sammlung der Kaiserlichen Universitäts- und Landesbibliothek angekauft wurden. Markant akzentuiert das Ausstellungsplakat von Straßburger Museen und der BNU aus dem Jahre 1932 zu Goethes 100. Todestag die Art und Weise der Erinnerungskultur.

8Mit Aude Therstappens Beitrag zur überaus reichen Goethe-Sammlung der BNU wird deutlich, wie die während der Zeit des sogenannten Reichslands angekauften Manuskripte und Handschriften ein kohärentes Bild Goethes während seiner Straßburger Zeit liefern konnten. Sie ergänzen nicht zuletzt die mit der Autobiographie Dichtung und Wahrheit möglichen Kenntnisse. Der während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg einsetzende Ankaufsschub von Manuskripten, Briefen und »Reliquien« seitens der BNU lässt den Umfang des Goethe-Kults hervortreten; so wurden etwa 2000 Ausgaben der Werke Goethes, darunter viele seltene und wertvolle Editionen, samt einer umfangreichen Sekundärliteratur angekauft (S. 155–174). Hieran schließt Alexandre Kostkas Beitrag an, der sich dem 1904 vor dem Universitätshauptgebäude eingeweihten Straßburger Goethe-Denkmal widmet. Wird damit einerseits deutlich, wie Goethe zu Beginn des Kaiserreichs und der Kaiser-Wilhelm-Universität als Symbol deutscher Kultur und Bildung aufgebaut wurde und als Legitimationsfigur diente, so muss andererseits das Denkmal nach Kostka zugleich als Kompromiss gelesen werden. Es sollte der politischen Vermittlung von altdeutscher und »einheimischer« Bevölkerung dienen. In dieser Unentschiedenheit, ohne eindeutig anvisierte Zielgruppe, führte dies, so der Autor, zu einer verminderten Aussagekraft des Denkmals, die dann in der französischen Zeit zu einer gewissen Unsichtbarkeit führte (S. 175–188).

9Auch wenn der abschließende Beitrag in seiner Analyse hier anschließt, verblüfft sein Befund. Bernadette Schnitzler legt die Instrumentalisierung Goethes während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg frei. Projekte wie die Gründung eines Goethehauses in Sessenheim und die einer Goethe-Gedenkstätte in Straßburg zeigen zwar die damalige Intention, Goethes Anwesenheit in Straßburg als Teil einer deutschen Vergangenheit der Region hervorzuheben. Insgesamt jedoch, so ihr Befund, habe Goethe nur wenig Bedeutung in der nationalsozialistischen Propaganda erlangt (S. 189–199).

  • 1 Siehe u.a.: Albert Decker, »Goethe im Banne elsässischen Volkstums«, in: Hermann Busse (Hg.), Oberr (...)

10Eine offene Frage ist, warum insbesondere seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Forschungsliteratur zu Goethes Aufenthalt in Straßburg teilweise ein Desiderat geblieben ist.1 Das macht die Ausstellung und den Katalog dank der neuen Perspektiven und Erkenntnisse umso wertvoller.

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Notes

1 Siehe u.a.: Albert Decker, »Goethe im Banne elsässischen Volkstums«, in: Hermann Busse (Hg.), Oberrheinische Heimat, Freiburg im Breisgau: Haus Badische Heimat, 1940; Faculté des lettres et sciences humaines de Strasbourg (Hg.), Goethe et l’Alsace. Actes du colloque de Strasbourg (mai 1970), Straßburg: Librairie Istra, 1973; Jean de Pange, Goethe en Alsace, Paris: Les Belles Lettres, 1925; Ernst Traumann, Goethe der Strasburger Student, Leipzig: Verlag von Klinkhardt & Biermann, 1923; Edmond Vermeil, »Goethe à Strasbourg«, in: Faculté des Lettres de l’Université de Strasbourg (Hg.), Goethe. Études publiées pour le centenaire de sa mort, Paris: Les Belles Lettres, 1932.

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Pour citer cet article

Référence papier

Nele Döring et Mathilde Haentzler, « Florian Siffer & Aude Therstappen (Hg.), Goethe à Strasbourg 1770-1771. L’éveil d’un génie »Regards croisés, 11 | 2021, 182-185.

Référence électronique

Nele Döring et Mathilde Haentzler, « Florian Siffer & Aude Therstappen (Hg.), Goethe à Strasbourg 1770-1771. L’éveil d’un génie »Regards croisés [En ligne], 11 | 2021, mis en ligne le 01 juillet 2023, consulté le 21 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/regardscroises/442

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