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Lectures croisées de l’actualité (recensions françaises et allemandes)

Philippe Duboӱ, Jean Jacques Lequeu. Dessinateur en architecture. Laurent Baridon, Jean-Philippe Garric, Martial Guédron, Jean-Jacques Lequeu, bâtisseur de fantasmes

Julian Jachmann
p. 178-181
Référence(s) :

Philippe Duboӱ, Jean Jacques Lequeu. Dessinateur en architecture, Paris : Gallimard, 2018, 320 Seiten

Laurent Baridon, Jean-Philippe Garric, Martial Guédron, Jean-Jacques Lequeu, bâtisseur de fantasmes, Paris : Bibliothèque nationale de France/Éditions Norma, 2018, 192 Seiten

Texte intégral

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Crédits : Gallimard / Editions Norma
  • 1 Vgl. den Forschungsüberblick: Klaus Heinrich Kohrs, »Jean-Jacques Lequeu. Abenteuer der Imagination (...)

1Nicht ganz zu Unrecht erleben Forschungen zu Jean-Jacques Lequeu (1757–1826) – Zeichner, erfolgloser Architekt, Staatsdiener in Katasteramt und Innenministerium – in den letzten Jahren einen Höhepunkt. Zwar ist die von Emil Kaufmann konstruierte Dreieinigkeit der Revolutionsarchitektur Ledoux, Boullée, Lequeu längst als Fiktion entlarvt, dennoch bietet das Werk des Letztgenannten sowohl von Umfang und Überlieferungslage her wie auch im Hinblick auf zahlreiche offene Fragen ein überaus fruchtbares Forschungsfeld. Neben kleineren Beiträgen erschienen jüngst fünf umfassende bzw. selbständige Publikationen. Bei der ersten handelt es sich um ein 2018 ebenfalls von Baridon, Garric und Guédron herausgegebenes Lexique Lequeu, ein sehr kleiner, aber bebilderter Band mit einer verspielten Abfolge an heterogenen Schlagworten. Zwei weitere Bände sind Elisa Boeri zu verdanken: Jean-Jacques Lequeu, un atlas des mémoires von 2018 und L’utopia dell’antico, il viaggio in Italia di Jean-Jacques Lequeu von 2019.1 Gerade letzterer ist wegen der Reproduktion von vor Ort gefertigten Architekturskizzen des Protagonisten besonders aufschlussreich. Die beiden übrigen Werke sollen im Folgenden besprochen werden.

  • 2 Werner Szambien, Rezension von Philippe Duboÿ, Jean-Jacques Lequeu. Une énigme, Paris 1987, in: Kun (...)

2Knapp gewürdigt werden kann das Werk von Philippe Duboӱ (auch: Duboy). Es handelt sich im Wesentlichen um eine Neuausgabe des 1986 in englischer und 1987 in französischer Sprache erschienenen Bandes Lequeu, an Architectural Enigma, der mehrfach rezensiert wurde.2 Gegenüber der monumentalen ursprünglichen Form wurde das Format um die Hälfte reduziert. Diese Entscheidung geht mit einer geringeren Zahl an Abbildungen und ihrer reduzierten Größe einher; der häufigere Gebrauch farbiger Illustrationen kann diesen Verlust nicht ganz ausgleichen. Die größten Unterschiede ergeben sich im Austausch einiger weniger Elemente des Buches. Zwei aus wissenschaftlicher Perspektive besonders relevante Teile entfallen bedauerlicher Weise – das Namensregister sowie der Tafelteil mit der Reproduktion von Lequeus Buchprojekten. Stattdessen werden drei Passagen ergänzt, so am Anfang des Bandes (S. 11–48) ein autobiographischer Abriss zu Entstehungsgeschichte und Rezeption des Bandes, der teils anekdotisch ausfällt, aber auch über Personennetzwerke und Diskurse Auskunft gibt. Den Schlussteil ergänzen nun ein biographischer Abriss Lequeus aus der Feder von Frédéric Morvan sowie eine Transkription von zeitgenössischen Texten von und zu Lequeu (S. 267–301), darunter Testament und Inventar, das unter anderem recht detailliert über den Buchbesitz Auskunft gibt. Ansonsten wurden nur minimale Ergänzungen oder Anpassungen vorgenommen, was Daten oder die Orthographie der Transkriptionen angeht (S. 57, 164f., 351). Das Buch ist tendenziell als günstige Studienausgabe der ersten Auflagen zu verstehen.

  • 3 Ibid., S. 201.
  • 4 Szambien, Rezension von Philippe Duboÿ, in: Kunstchronik, op. cit., S. 29.

3Die in weiten Passagen inhaltlich unveränderte Ausgabe ohne Rezeption neuerer Forschung irritiert umso mehr, als bereits die Urteile über die ersten Auflagen eher von Skepsis geprägt waren. Wies Barry Bergdoll noch auf das anregende Eröffnen von Fragestellungen im »quicksand of this anti-monograph«3 hin, so fiel das Urteil von Werner Szambien aus der Perspektive des Historikers ungünstig aus. Tatsächlich fehlen wissenschaftlicher Anspruch und Apparat weitgehend, es handelt sich um eine Collage von Zitaten und Bildern aus verschiedenen historischen und inhaltlichen Kontexten, zwischen denen »kabbalistische Brücken«4 gespannt werden, wobei Lequeu insbesondere mit Le Corbusier und Duchamp konfrontiert wird. Die Besessenheit Lequeus mit der eigenen Physiognomie und Biographie wird von Duboӱ als produktives Prinzip verstanden und aufgegriffen – eine Vorgehensweise, die sich konsequent in den neuen Passagen der Ausgabe von 2018 fortsetzt.

4Es sei nachdrücklich, aber ohne polemischen Hintergedanken konstatiert, dass das Buch nicht als wissenschaftliche Abhandlung konzipiert ist und als solche nicht missverstanden werden darf. Sein Potential gerade im Rückblick auf die Entstehungszeit dürfte es hingegen als historische Quelle entfalten. Groß scheint etwa der Wert für die Adressierung der Frage zu sein, wie Architekten bzw. Architekturtheoretiker – und als solcher ist der Autor zu verstehen – produktiv mit Geschichte und Philosophie umgehen, wie sie sich historische Phänomene aneignen, mit zeitgenössischen Konzepten und der eigenen Biographie verschränken, wie sie mit Assoziationen und Mehrdeutigkeit arbeiten. Ein Vergleich mit gebauter Architektur und dem geschichts-, biographie- und theoriegesättigten Diskurs der 1970er und 1980er Jahre wäre ein wichtiges Desiderat.

  • 5 Kohrs, »Jean-Jacques Lequeu«, in: Kunstchronik, op. cit., S. 306.

5Geradezu als Gegenentwurf zu den – an diesem Ort auch kritisierten – Schriften von Duboӱ ist das zweite Werk zu verstehen, das hier vorgestellt werden soll. Der aufwändig und attraktiv gestaltete und bebilderte Band Jean-Jacques Lequeu, bâtisseur de fantasmes erschien anlässlich einer Ausstellung gleichen Titels, die mehrere Pariser Sammlungen 2018 und 2019 in Paris und den USA zeigten. Allerdings ist der Katalogteil auf eine sechsseitige Liste der Exponate beschränkt; bereits Kohrs bemängelte in diesem Abschnitt missverständliche Verkürzungen bei den Datierungen.5 Weit eher ist das Buch als Sammelband mit lediglich sechs, durch die Bilderfülle auch recht knappen Artikeln zu verstehen. Diese werden ergänzt um Vorwort, Einleitung, halb-tabellarische Biographie, eine kurze Abhandlung zur Provenienz der Blätter, einen Œuvre-Katalog, die erwähnte Exponatliste und eine Bibliografie von zwei Seiten Umfang. In diesem Aufbau wird konsequent der Ansatz einer vollständigen, wenn auch äußerst kompakten wissenschaftlichen Publikation verfolgt, die den thematischen Horizont eher aufspannt als einzelne Themen vertieft.

6In erfreulich transparenter Weise wird dieses Anliegen bereits in der Einleitung der Herausgeber offengelegt. Statt wie Duboӱ die Vorstellungen Lequeus zuzuspitzen und weiterzuentwickeln, schlagen sie ganz im Gegenteil eine historische Kontextualisierung in großer Breite vor, von der Person des Autors bis zu Institutionen, Politik und Gesellschaft, von Text und Zeichnung bis zu Ingenieurkunst und Architektur. Statt eines grundlegenden Perspektivwechsels stehen also eine Weitung des Untersuchungshorizontes einerseits und eine stärker historisch fundierte Betrachtung andererseits im Zentrum der Überlegungen. So werden im Beitrag von Martial Guédron Lequeus experimentelle, teils grimassierende Selbstporträts primär vorgestellt und in der Entstehungszeit verortet, während die intensive kunsthistorische Forschung zum Thema Selbstporträt nicht rezipiert wird. Ähnlich stellt sich der Beitrag von Jean-Philippe Garric zur Architekturzeichnung dar, in welchem insbesondere die präzise Charakterisierung der Zeichnungen und ihrer Farbigkeit überzeugen kann. Dieser Fokus auf Epoche und Werk des Protagonisten findet sich auch in den anderen Beiträgen wieder. Umfassende Problemfelder der Kunst- und Kulturgeschichte wie Schattendarstellungen, Antikenrezeption oder Sexualität werden angerissen, aber kaum weiterverfolgt.

7Die folgenden beiden Artikel von Valérie Nègre und Elias Boeri sind den Themen Zeichnung sowie der Relation von Architektur und Natur, Stadt und Land bei Lequeu gewidmet. Besonders dicht und anregend fällt der Beitrag von Laurent Baridon aus, der die Schnittstelle zwischen den auffällig heterogenen Sujets in den Zeichnungen und Manuskripten analysiert. Aus einer Beobachtung mit hoher Evidenz – dass die figürlichen Darstellungen wie Skulpturen wirken und somit Inkarnat zu Stein wird und umgekehrt die Architekturelemente organische Charakteristika entwickeln, indem Elemente wie Körperglieder oder Räume wie Körperöffnungen wirken – entfaltet der Autor eine Würdigung, in der Beischriften und Tierdarstellungen, priapische und hermaphroditische Elemente zusammenfinden. Diese kann Baridon, wenn auch leider äußerst knapp, auf zeitgenössische Konzepte wie Caractère-Lehre und Sensualismus zurückführen. Der letzte Beitrag mit dem ambitionierten Titel La question amoureuse comme mur porteur weicht von der methodischen Ausrichtung des Bandes leicht ab, bildet aber gerade auf diese Weise einen gelungenen Ausblick. Über den historischen Rahmen des 18. Jahrhunderts hinaus wird der Blick nun auf übergreifende Interpretationen gelenkt, etwa in einer Parallele zu Gustave Courbet. Allerdings vermisst der Leser teils den Bezug zum Naheliegenden; so wirkt eines der untersuchten Beispiele – die Zeichnung einer Festung am Meer vor einem Nachthimmel (S. 139) – wie eine wörtliche Kombination mehrerer architektonischer Topoi von Étienne-Louis Boullée, etwa die versunkene Architektur und die Architektur der Schatten. Generell scheint dessen Konzeption von architektonischen Entwürfen aus poetisch konzipierten Bildern heraus hilfreicher zum Verständnis des Werkes von Lequeu zu sein, als es die Beiträge insgesamt vermuten lassen.

8Auch wenn die kurzen Artikel des Bandes Forschungsdiskurse lediglich aufrufen, statt zu vertiefen, und somit nicht der höchste akademische Anspruch verfolgt wird, ist den Herausgebern von Jean-Jacques Lequeu, bâtisseur de fantasmes zu ihrem gelungenen Buch zu gratulieren. In unprätentiöser und kritischer Weise wird vor allem der Facettenreichtum von Lequeus Œuvre belegt, mit dem eine Vielfalt von Kontextualisierungs- und Deutungsansätzen korrespondiert. Die Karten wurden neu gemischt, übergreifende und theoretisch ausgelegte Studien können sich auf dieser Basis neu entwickeln.

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Notes

1 Vgl. den Forschungsüberblick: Klaus Heinrich Kohrs, »Jean-Jacques Lequeu. Abenteuer der Imagination«, in: Kunstchronik 72, 2019, H. 6, S. 301–311.

2 Werner Szambien, Rezension von Philippe Duboÿ, Jean-Jacques Lequeu. Une énigme, Paris 1987, in: Kunstchronik 43, 1990, S. 28–31; Barry Bergdoll, Rezension von Philippe Duboÿ, Jean-Jacques Lequeu, an architectural enigma, Cambridge 1987, in: Journal of the Society of Architectural Historians 47, 1988, S. 200–201.

3 Ibid., S. 201.

4 Szambien, Rezension von Philippe Duboÿ, in: Kunstchronik, op. cit., S. 29.

5 Kohrs, »Jean-Jacques Lequeu«, in: Kunstchronik, op. cit., S. 306.

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Pour citer cet article

Référence papier

Julian Jachmann, « Philippe Duboӱ, Jean Jacques Lequeu. Dessinateur en architecture. Laurent Baridon, Jean-Philippe Garric, Martial Guédron, Jean-Jacques Lequeu, bâtisseur de fantasmes »Regards croisés, 11 | 2021, 178-181.

Référence électronique

Julian Jachmann, « Philippe Duboӱ, Jean Jacques Lequeu. Dessinateur en architecture. Laurent Baridon, Jean-Philippe Garric, Martial Guédron, Jean-Jacques Lequeu, bâtisseur de fantasmes »Regards croisés [En ligne], 11 | 2021, mis en ligne le 01 juillet 2023, consulté le 17 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/regardscroises/434

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