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Lectures croisées de l’actualité – recensions françaises et allemandes

Marine Roussillon, Don Quichotte à Versailles. L’imaginaire médiéval du Grand Siècle

Teresa Hantke
p. 111-114
Référence(s) :

Marine Roussillon, Don Quichotte à Versailles : L’imaginaire médiéval du Grand Siècle, Collection Époques, Ceyzérieu : Champ Vallon, 2022, 210 Seiten

Notes de la rédaction

https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.57732/rc.2022.12.94979

Texte intégral

  • 1 Isaac de Benserade, Ballet royal de l’impatience dansé par sa Majesté le 19 février 1661, Paris : B (...)

Voicy la fine Fleur de la Chevalerie,
Qui passe de bien loin nos Heros fabuleux
En belles actions comme en galanterie ;
Enfin, ce Prince merveilleux,
Que l’amour suit partout, que la gloire accompagne,
Est le pur sang de Charlemagne.1

1Macht durch Fiktion, Propaganda durch Literatur, wechselseitiger Einfluss von Ästhetik und Politik – während durchaus bekannt ist, dass Dramen der Antike oder Mythologie einen Einfluss auf die Darstellung der Macht Ludwigs XIV. hatten, ist die Rolle der mittelalterlichen Gedankenwelt als Politikum am Hof in Versailles im 17. Jahrhundert bislang wenig erforscht worden. Die französische Literaturwissenschaftlerin Marine Roussillon bietet in ihrem vor kurzem publizierten Werk Don Quichotte à Versailles. L’imaginaire médiéval du Grand siècle erstmals einen umfassenden Überblick, inwieweit sich der absolutistische Herrscher aus dem Haus der Bourbonen mittelalterlicher Fiktion bemächtigt hat. Roussillons Neuerscheinung ist ein Beitrag, der im Desiderat weitreichender Studien zum Einfluss von der Literatur des Mittelalters auf Politik und Propaganda im Grand Siècle eine beachtliche Lücke füllt.

  • 2 Uwe Schultz, Der Herrscher von Versailles. Ludwig XIV und seine Zeit, München: Verlag C. H. Beck, 2 (...)
  • 3 Jean-Pierre Néraudau, L’Olympe du Roi-Soleil, Paris: Les Belles-Lettres, 1986.

2Am Hof Ludwigs XIV. spielten Adlige als Ritter verkleidet und kämpften gegen fiktive Riesen. Die königlichen Feste, Opern und Spiele, die der Sonnenkönig am Hof von Versailles nach seiner Regierungsübernahme 1661 veranstalten ließ, haben mit ihrer Ästhetik und dekorativen Pracht längst Eingang in Kunstgeschichte wie Literaturwissenschaft gefunden. Derartige prunkvolle Vergnügungen dienten nicht nur einer königlichen Inszenierung am Hofe von Versailles, sondern verfolgten eindeutig politische Absichten. Vom 7. bis 13. Mai 1664 veranstaltete Ludwig XIV. zu Ehren seiner Mutter Anna von Österreich und seiner Frau, Königin Maria Theresia, ein Fest mit dem romanhaften Thema der Zauberin Alcine, die in ihrem Palast Roger und seine Ritter gefangen hält: Die Plaisirs de l’île enchantée, die eine Episode aus Roland furieux, dem Roman des italienischen Renaissance-Dichters Ariost wiedergeben, beinhalteten Pferderennen, Umzüge und Theateraufführungen ; Molière gab am Abend des 12. Mai zum ersten Mal seinen Tartuffe zum Besten. Der italienische Bühnenbildner und »größte Illusionskünstler der Epoche«2 Carlo Vigarani gestaltete die ephemere Festarchitektur, die den Schlosspark in eine gewaltige Kulisse verwandelte. Ludwig XIV. in der Rolle des Ritters Roger, in prachtvoller Kostümierung, war selbst Teil des Vergnügens, mit welchem er bewusst versuchte, seinen Hof zu instrumentalisieren und die Teilnehmer der Festspiele als »Don Quichottes« – als sich in die Fiktion Flüchtende – zu beeinflussen. Auch wenn sich die Interpreten für die Manifestierung der Macht Ludwigs XIV. fortwährend auf den »Olympe du Roi Soleil« und den Einfluss antiker Mythologie bezogen,33 argumentiert die Autorin, dass es in der Realisierung von Ritterfestspielen und Festen gerade die mittelalterliche Vorstellungswelt ist, die am Hof von Versailles Vergnügen und Macht vereint und letztere affirmiert habe (S. 8).

3Die Autorin bekräftigt ihre These mit zahlreichen Quellen aus mittelalterlichen Rittergeschichten wie Jean Desmarets des Saint-Sorlins Clovis ou la France chrétienne (vgl. S. 126) oder das von Ludwig XIV. aufgeführte Poème épique Roland furieux. Beide Werke wurden zum Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich durch den Verleger Augustin Courbé neu publiziert und erhielten somit neue Beachtung (vgl. S. 31 ff.). Das fortlaufende Einbeziehen der Originalquellen bereichert Roussillons Publikation durch einen abwechslungsreichen sowie lebendigen Erzählstil, der ihre Leser selbst zu Don Quichottes werden lässt.

4Gegliedert ist das Werk in drei thematische Partien. Sie spannen einen Bogen vom Wecken des Interesses an mittelalterlicher Literatur im ersten Teil zu deren Integration und Dienstbarmachung in den Aufführungen der Plaisirs de l’île enchantée am Hof von Versailles. Abschließend untersucht Roussillon anhand der »Querelles des Anciens et Modernes« die Relevanz und Entwicklung mittelalterlicher Fiktion als Politikum zwischen den 1650er und 1670er Jahren.

5Einleitend bietet die Autorin eine wertvolle Justierung ihrer Forschungsperspektive, die es uns erleichtert, den Ausführungen über eine Neudefinition der Beziehung mittelalterlicher Literatur und Politik folgen zu können. Im Mittelalter fanden gesellschaftliche Neuordnungen statt, die später Modellcharakter erhielten (wie im Rückblick deutlich wird). Bis heute spielen diese Herleitungen eine bedeutende Rolle für die Legitimation des Adels, indem sie Aufschluss über die Familienhistorie, die Rechte sowie die legitime Beanspruchung eines Titels geben. Gleiches gilt für den Herrscher: »Quand le roi de France prétend à la couronne impériale, il se réclame de Charlesmagne.« (S. 8).

6Jedoch bleibt ›das Mittelalter‹ nicht nur Referenzgröße für Ständefragen des Adels, gleichzeitig waren es auch mittelalterliche Vorstellungswelten, die Romane inspirierten, den Hof unterhielten und somit den Ruhm des Königs multiplizierten. Diese Vergangenheit war Gegenstand des Vergnügens, der plaisirs und divertissements – Höflinge tanzten und spielten als Ritter verkleidet – und befeuerte die aktive Konstruktion einer mittelalterlichen Imagination in der Gegenwart des Grand Siècle. Die hier anknüpfende Perspektivierung der Autorin fokussiert auf Problemlagen, wie etwa die Frage, ob Könige der Vergangenheit zu Helden galanter Abenteuer werden können. Die Intention Marine Roussillons ist folglich nicht, Rückbezügen der Herrscher des Grand Siècle auf die imaginäre Vorstellungswelt des Mittelalters nachzuspüren, sondern in den Schriften des 17. Jahrhunderts Anhaltspunkte für ein Verständnis dafür zu finden, wie die mittelalterliche Vergangenheit konstruiert und gewertet wurde. Auf diese Weise nähert sie sich der Frage, mit welchen Intentionen eine bestimmte Epoche – in diesem Falle das 17. Jahrhundert – sich auf diese Historie bezieht, sie manipuliert und gleichzeitig konstruiert.

  • 4 Peter Burke, The Fabrication of Louis XIV, New Haven: Yale University Press, 1992. Übersetzung aus (...)

7Plaisirs dangereux et plaisirs utiles: Die französische Leserschaft entdeckte die Abenteuer des Adligen Alonso Quijano 1614 mit der Übersetzung des ersten Buches von Cervantes’ Roman durch César Oudin (vgl. S. 18). Allerdings war zu Beginn des Jahrhunderts Don Quichotte nicht der einzige, der der Literatur verfallen war und sich selber zum Ritter machte: Ludwig XIII. und der Herzog von Luynes tanzten die Rollen des Godefroy de Bouillon und des Ritters Renaud im Ballet de la délivrance de Renaud (1617). Im Gegensatz zu Don Quichotte ist der Ballettbesucher, der vom Ruhm Ludwigs XIII. überzeugt ist, jedoch bei klarem Verstand. Vergnügen ist legitim, wenn es wahrheitsgemäß ist. Genau hier nährt die mittelalterliche Vorstellungswelt die höfischen Divertissements, von den Balletten Ludwigs XIII. über die Feste Ludwigs XIV. Der Beginn der Regentschaft des Sonnenkönigs ist durch die Einführung einer organisierten Politik zur Herstellung und Verbreitung eines würdevollen Bildes des Königs gekennzeichnet, einer »politique de la gloire«.4 So versammelte ab Februar 1663 Jean-Baptiste Colbert jede Woche eine Gruppe von Gelehrten, um ihre Meinung zu Fragen des öffentlichen Ansehens des Königs einzuholen (vgl. S. 65). Mit dem Versuch, die Dienste von Künstlern und Literaten zu gewinnen, übernahm die Regierung das, was Roussillon als »modernes Projekt« bezeichnet, nämlich die politische Nutzung der Literatur und des durch sie erzeugten Ruhmes. Die Berichte über die ersten Jahre der Herrschaft von Ludwig XIV. sind geprägt von der Beschwörung der Vergnügungen des Hofes: Jagden, Feste, Liebschaften. So entstand ein Bild des Hofes, das auch in die zeitgenössische Geschichtsschreibung einfloss. Die Autorin legt überzeugend dar, dass die Verwendung des mittelalterlichen Imaginären in der Darstellung von Macht auf der Verbindung zwischen einer historischen und einer ästhetischen Referenz beruhte. Diese Verbindung sei das nützliche Mittel, um zugleich Werte zu inszenieren und Vergnügen zu erwecken: »C’est le pur sang de Charlemagne« – noch 1661 wurde Ludwig XIV. als Nachkomme des Kaisers dargestellt.

8Die Verwendung des ritterlichen Imaginariums in Les Plaisirs de l’île enchantée ruft also eine Vergangenheit auf: In Wahrheit handelt es sich aber nicht um die mittelalterliche, sondern die jüngste Vergangenheit der Herrschaft Ludwigs XIII. Mit der Wiederbelebung von dessen Hofhaltung im Jahr 1664 bekräftigt Ludwig XIV. sowohl eine dynastische als auch eine politische Kontinuität. Mit den Plaisirs de l’île enchantée erobern die mittelalterlichen Ritter Versailles. Aber die Herrschaft Ludwigs XIV. ist dennoch nicht die eines neuen Don Quichotte: Wenn Ludwig XIV. Ritter spielt, dann im begrenzten Rahmen eines Festes und um seinem Hofstaat eine Fiktion zu bieten, die den persönlichen Charakter seiner Macht darstellen kann. Das entfremdende Vergnügen, das der geniale Hidalgo bei der Lektüre seiner Romane empfand, wird in Les Plaisirs de l’île enchantée zu einer Figur der Macht und einem Instrument der Unterwerfung.

9Anhand ausgewählter Beispiele wie der Beschreibung der Plaisirs de l’île enchantée gelingt Roussillon somit ein wertvoller Beitrag zur Mittelalterrezeption im Grand Siècle. Auch wenn sich – der formalen Idee einer Zusammenfassung geschuldet – die Thesen der Autorin zum Ende der Publikation bisweilen wiederholen, verdeutlicht sie gekonnt, inwiefern die Rezeption der mittelalterlichen Literatur eine organisierte Propaganda des Sonnenkönigs bedeutet. In zeitgenössischen Tragikomödien wurde ein neuer Interpretationsmodus der mittelalterlichen Vergangenheit erfunden, der sowohl modern war – als Ursprung der Nation, ihrer Kultur und ihrer Monarchie – als auch für Vergnügen sorgte.

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Notes

1 Isaac de Benserade, Ballet royal de l’impatience dansé par sa Majesté le 19 février 1661, Paris : Ballard, 1661, S. 34–35.

2 Uwe Schultz, Der Herrscher von Versailles. Ludwig XIV und seine Zeit, München: Verlag C. H. Beck, 2006, S. 188.

3 Jean-Pierre Néraudau, L’Olympe du Roi-Soleil, Paris: Les Belles-Lettres, 1986.

4 Peter Burke, The Fabrication of Louis XIV, New Haven: Yale University Press, 1992. Übersetzung aus dem Englischen in das Französische von Paul Chemla: Louis XIV, les stratégies de la gloire, Paris: Seuil, 1995.

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Pour citer cet article

Référence papier

Teresa Hantke, « Marine Roussillon, Don Quichotte à Versailles. L’imaginaire médiéval du Grand Siècle »Regards croisés, 12 | 2022, 111-114.

Référence électronique

Teresa Hantke, « Marine Roussillon, Don Quichotte à Versailles. L’imaginaire médiéval du Grand Siècle »Regards croisés [En ligne], 12 | 2022, mis en ligne le 01 juillet 2023, consulté le 16 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/regardscroises/300

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