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Editorial

p. 7-9
Cet article est une traduction de :
Éditorial [fr]

Notes de la rédaction

https://0-doi-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/10.57732/rc.2022.12.94966

Texte intégral

1Der intime Raum hat eine Geschichte. Schon in der Antike zeigen die Gärten Pompeis die feingliedrige Organisation des privaten Raums der domus im Einklang mit Der Kunst des Liebens von Ovid. Die individuelle Subjektivität nimmt am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Renaissance Form an und mit ihr der jüngere Begriff der Intimität. Im Mittelalter, mit dem hortus conclusus, vollzieht sich eine Begrenzung des Raums, die für die Veränderung der Subjektivität aufschlussreicch ist – sei es als Garten der Wonnen (hortus deliciarum) der höfischen Liebe, die in sich normativ kodifiziert war, sei es als Kloster und damit als Ort einer Innenschau, in der der Gläubige sich zum Himmlischen erhebt. Das Labyrinth des Diskurses der höfischen Liebe hat dieser symbolischen Passage durch verschiedene Stadien der Emotion und der geheimsten Gefühle des Ichs subtile Regeln gegeben.

2Die Renaisance erscheint als ein entscheidender Zeitraum, in dem die Hypnerotomachia Poliphili (1467?) es erlaubt, in verschiedenen Stadien einen imaginären Raum zu definieren, der die Antike neu erfindet, und in dem das Subjekt sich entdeckt, indem es sich auf den Pfaden des Bilderrätsels der Liebe verläuft. Das illustrierte Werk sollte sich darauf auswirken, wie die Gartenkunst als eine Stütze der Erzählung oder des imaginären Berichts erfunden wurde. Aber das Labyrinth ist auch der Ort, an dem man im Spiel damit, sich zu verlieren, wie die Charaktere in Shakespeares Sommernachtstraum endet und sich völlig zwischen Phantasmen und Realität verirrt. Das Gefühl des Wunderbaren steht hier auf einzigartige Weise neben der (modernen) Angst, nicht mehr genau zu wissen, wer man ist, durch Verwandlungen anonym zu werden oder sich plötzlich als austauschbar und manipulierbar zu erweisen, bis hin zu einem Gefühl der beunruhigenden Fremdheit…

3Im 16. Jahrhundert entsteht das Konzept des « huis clos », um eine Handlung zu beschreiben, die hinter geschlossenen Türen ausgeführt wird, geschützt vor den öffentlichen Blicken (aus dem Lateinischen ostium/ustium, der Eingang). Sehr schnell wird diese Konzeption einen präzisen rechtlichen Sinn annehmen, um die richterlichen Verhandlungen zu beschreiben, die außerhalb der Öffentlichkeit stattfinden. Aber der Ausdruck wird auch metaphorisch benutzt, um den Raum außerhalb des sozialen Feldes zu bestimmen, z.B. den, in dem sich die Verbrechen in den geschlossenen Häusern der Polizeiromane des 19. Jahrhunderts abspielen, oder im Gegensatz dazu das verschlossene bürgerliche Interieur, das vor den Aufständen des Proletariats geschützt ist - und zwar zu jener Zeit, als die sozialen Klassen in einem Antagonismus erstarren, auf den von Karl Marx für das Jahrhundert der Industrialisierung aufmerksam gemacht hat. Zwischen Schutz und Einsperrung, Zuflucht und Isolation, bietet der geschlossene Raum ein einzigartiges, mit moralischen und politischen Konnotationen verflochtenes Spiel der Blicke an, das Jean-Paul Sartre 1944 meisterhaft aufgreifen wird, um das Bewusstsein unserer Handlungen unter dem drückenden Blick des Anderen zu befragen. Der Andere ist tatsächlich sowohl der, dem man sich zu entziehen sucht, um sich vor seinem inquisitorischen Urteil zu schützen, als auch der, dem man sich schlussendlich preisgibt, vielleicht um das Risiko einzugehen, durch den Umweg dieses schonungslosen Spiegels unser profundes Ich zu entdecken.

4Als Raum des Spiels, in dem sich das Kind bildet, das sich die Regeln erfindet, um seinen Ängsten zu begegnen und den ursprünglichen Mangel an Selbstbewusstsein zu überwinden, und als Raum der Freiheit durch sowohl physische wie symbolische Gestaltung und Umgestaltung des Raums, kann der geschlossene Raum also im weiteren Sinne ausgehend von der Theorie der Architektur und der Landschaft, aber auch der Literatur oder natürlich der Pychoanalyse gedacht werden. Darüberhinaus kann die jüngere Theorie zum Videospiel wichtige Denkansätze beisteuern, da sie uns einlädt, Spiel und Kunst als einen Raum neu zu denken, der zu gestalten und umzugestalten ist und der die Interaktion des Spielenden mit seiner Umgebung durch die Vermittlung von Bildern voraussetzt.

  • 1 siehe S. 23
  • 2 siehe S. 44
  • 3 siehe S. 56
  • 4 siehe S. 78

5Das Dossier der vorliegenden Nummer schlägt einen interdisziplinären Parcours vor zwischen Kunstgeschichte und Gartengeschichte, Architektur und Literatur, Erziehung und Psychoanalyse sowie Medientheorie und Theorien des Bildes. Der Text von Fanny Kieffer1 erörtert die Geschichte des hortus conclusus in der Renaissance, vom poetischen Arkadien bis zu Gärten, um die Verbindung zu erläutern, die zwischen Raum und Narration, zwischen dem Ort der Kontemplation und dem der politischen Debatte entsteht. Emmanuel Pernoud2 untersucht in sozialer und politischer Hinsicht die Symbolik des bürgerlichen hôtel particulier zwischen Schutz und Einbruchsrisiko, in dem er aktuelles Zeitgeschehen mit der fiktiven Tradition des 19. Jahrhunderts zusammenklingen lässt. Der Beitrag von Stephen Zandt3 zeigt, dass die Geschichte der materiellen und symoblischen Repräsentationen der Räume, die Kindern gehören – von Rousseaus Émile über die Illustrationen von Johann Michael Voltz und Maurice Sendak bis zur experimentalen Psychologie – die Erfindung der kindlichen Subjektivität mit der Übermacht und Allgegegenwärtigkeit des elterlichen Gesetzes verknüpft. Schließlich schlägt Stefan Günzel4 eine Erweiterung der Betrachtungsweise von Videospielen in der Medientheorie vor. Er analysiert die jüngere Evolution von « geschlossenen Räumen » hin zu Perspektiven ihrer Überschreitung im Spiel, wobei er auf den komparatistischen Formalismus der Kunsthistoriker Aloys Riegl und Heinrich Wölfflin zurückgreift.

  • 5 siehe S. 174

6Die Spiele des Projet croisé5 finden in dieser Nummer fern von dem Thema des geschlossenen Raums statt. Wir haben diesmal mit einer neuen Methode des bilingualen Gesprächs experimentiert, das unsere Verbundenheit zur Diversität der Idiome und zu Räumen des Austauches zwischen den Sprachen zeigt, die wir selbst auch in der Redaktion unserer Zeitschrift praktizieren. Thomas Schlesser (Direktor des Forschungszentrums zur abstrakten Kunst in der Fondation Hartung-Bergman) spricht mit Christoph Zuschlag und Anne-Kathrin Hinz (Direktor und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Informelle Kunst an der Universität Bonn) über die Forschungsprogramme, die sie kürzlich in ihren jeweiligen Institutionen zur nicht-figurativen Kunst initiiert haben.

  • 6 siehe S. 100

7Und schließlich veröffentlichen wir in der aktuellen Ausgabe der Regards croisés wie gehabt französischsprachige Rezensionen6 zu deutschsprachigen Büchern und Besprechungen von Autor·innen aus dem deutschsprachigen Raum zu Büchern, die auf Französisch geschrieben wurden. Diese Texte tragen zum intensiven Austausch zwischen Wissenschaftler·innen dieser beiden Sprachräume bei – durch die Bücher, die sie kommentieren, wie auch die Themen und Debatten, auf die sie eingehen. Wir danken wärmstens allen unseren Autor·innen dieser Nummer, Fritz Grögel für seine graphische Genauigkeit, sowie den Übersetzerinnen Nicola Denis und Florence Rougerie, deren sprachliche Finnesse wie immer bemerkenswert ist. Und zudem möchten wir unbedingt unsere ganze Dankbarkeit gegenüber jenen Institutionen ausdrücken, die uns in finanzieller oder logistischer Weise seit Langem oder seit Neuem unterstützen: das wissenschaftliche Zentrum ARCHE der Universität Straßburg, das Deutsche Forum für Kunstgeschichte Paris, das HiCSA der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne, das Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin und die Friedrich-Schiller-Universität Jena.

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Notes

1 siehe S. 23

2 siehe S. 44

3 siehe S. 56

4 siehe S. 78

5 siehe S. 174

6 siehe S. 100

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Pour citer cet article

Référence papier

« Editorial »Regards croisés, 12 | 2022, 7-9.

Référence électronique

« Editorial »Regards croisés [En ligne], 12 | 2022, mis en ligne le 01 juillet 2023, consulté le 23 juin 2024. URL : http://0-journals-openedition-org.catalogue.libraries.london.ac.uk/regardscroises/286

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